Konzeptkunst Karate

#TexasText/Jamal Tuschick Anspruch auf die Wahrheit haben die eigenen Genossen, nicht unsere Gegner. Günter Guillaume

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Biomechanischer Engpass

“Forward Intent - The more we embrace our Wing Tsun, the more it becomes a part of us, and the more it changes the way we think.” Jason Malik, Quelle

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Anspruch auf die Wahrheit haben die eigenen Genossen, nicht unsere Gegner. Günter Guillaume

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Biomechanischer Engpass

Jede(r) empfindet seinen Rücken als Totalität, während man die Front nicht als Einheit begreift. Diese Wahrnehmungsdifferenz rührt von einer viel zu wenig gewürdigten evolutionären Freiheit im Spiel der Hände und Arme. Wir müssen aber nur ein Gelenk schließen, um den ganzen Laden dicht zu machen. Versteht man den biomechanischen Engpass richtig, erkennt man den Wert folgender Aufforderung.

“Two Separted Halves Unified.” Sifu Mox Murugan, Quelle

Forward Intent - Vorwärtsspannung

“If a technique isn’t working properly for me, it’s usually because I failed to have forward intent.” Zitiert nach Jason Malik, Quelle

Die Mafia versprach Leoluca Orlando den Tod, er sollte sich fühlen wie ein Gast kurz vor Ende der Feierlichkeiten. Leoluca Orlando fühlte sich weiter wohl. Er pfiff auf die Drohungen, er sang sein eigenes Lied.

Ich habe viele beeindruckende Frauen und Männer getroffen, aber nicht drei in all den Jahrzehnten der Jagd nach Gesichtern und Geschichten von Leoluca Orlandos Kaliber. Er kam mir selbst wie ein Killer vor. Er hatte nicht nur keine Angst. Die ständige Gefahr, in der er schwebte, verlieh ihm eine Aura.

Das Lächeln der Renaissance

Leoluca Orlando lächelte das Michelangelo-Lächeln. Das Antlitz des (am 8. September) 1504 auf dem Palazzo Vecchio enthüllten Marmormannes David verbirgt das Lächeln des Renaissance-Fürsten im Vorschein. Auch Leoluca Orlando kam direkt aus der Renaissance, doch der Maler, den ich mit ihm assoziiere, ist der Barockstar Michelangelo Merisi da Caravaggio.

Leoluca Orlando verbreitete die Sorglosigkeit eines Menschen, der anders lebt als die meisten. Nämlich aus sich selbst heraus.

Weltstar zum Anfassen

Leoluca Orlandos Security wurde von Cole von Pechstein upgegradet. Jahrelang figurierte das in Lubbock, Texas, geborene und in Kassel aufgewachsene Kampfkunstgenie als Weltstar zum Anfassen. Nach landläufigen Begriffen ist Cole ein zum Unternehmer gereifter Spitzensportler. Er zog das Wellness-Taj-Mahal am Wilhelmshöher Bahnhof hoch.

Die Karateklitsche seiner puritanischen Tante Maeve von Pechstein verwandelte Cole in den ersten kolossal dimensionierten Wohlfühl-Totalisator in Deutschland.

Konzeptkunst Karate

Er war drei Jahre lange der Weltbeste seines Fachs. Das bedeutet ihm weniger als Amina Coogans Erfolg. Aminas Aufstieg zur ersten Kasseler Karatevollkontaktweltmeisterin folgte einer Konzeptkunstidee und gelenkschonenden Devisen. Schülerinnen* der Karateschule Pechstein schlossen sich unter dem Solidaritätsbrand Sherpa Sisters zu einer humanen Batterie zusammen. Im Zentrum der im Yoga-Flow hochgefahrenen Gruppenenergie avancierte Amina ohne Krafttraining und Ausdauerexzesse .

Sie arbeitet als Physiotherapeutin in der Nachbarschaft ihres Kindergartens. Amina hat noch nie einen Nachsendeantrag gestellt.

Sherpa Sister Sina

„Denn die einen sind im Dunkeln/Und die anderen sind im Licht. Und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht. “ Bertolt Brecht

Sina war Fahrschülerin, das schloss sie aus. Wegen schlechter Verbindungen musste sie stets zu früh weg. Sie verkehrte in der Lottoannahmestelle an ihrer Haltestelle. Daneben war eine Backwarenverkaufsstelle. Der Verkaufsstellenleiter handelte auch mit Gebrauchtwagen. Er dirigierte ein Aufkäufergeschwader am Telefon. Er sah aus wie der Geiselgangster Dieter Degowski und war eine Nummer Eins in seiner Welt.

Bier war ihr Hasch, Cole übernachtete bei Sina und frühstückte mit der Familie. Ihr Schlosservater fand den Jungen in Ordnung. Er donnerte gegen Drogen. Bier galt aber als Lebensmittel. Verweigerte Cole das Bier zur Begrüßung, wunderte sich der Schlosser. Biste krank?

Er zeigte eine Einliegerwohnung, die er für Sina gebaut hatte. Damit alles in der Familie blieb und das Kind nicht in die böse Welt musste. Der Schlosser hatte früh geheiratet, das nie bereut. Es ging nichts über ein geregeltes Familienleben. Kinder brauchten junge (unverbrauchte) Eltern. Den Säufer und den Hurenbock frors noch im dicksten Winterrock. Draußen holte man sich Appetit, gegessen wurde daheim. Der Kasten Kulmbacher im Keller ersetzte die Kneipe.

Haus und Garten verlangten Einsatz. Jeder baute, bastelte und buk, nur Sina blieb apathisch. Sie strickte vor dem Fernseher, während die Sonne schien, ihr Vater heimwerkte und die Mutter beim Einkochen telefonierte. Besuch fasste mit an. In der Nachbarschaft grassierte die Verwandtschaft. Cole fragte sich, wie der hyperaktive Schlosser die stillgelegte Tochter ertrug. Warum der Paranoiker ihn in seinem getäfelten Reich so herzlich willkommen hieß.

In Sinas Dorf gab es eine Taekwondo-Schule. Meister Tung liebte Weihnachtsbäume und Ostereier. Der vietnamesische Buddhist hielt seine Schüler:innen* an, christliche Traditionen und deutsche Tugenden zu achten. Die Tung-Familie beging jeden Geburtstag an einer Kuchentafel. Fröhlichkeit gehörte zum Pflichtprogramm. Sina gefiel die Gemeinschaft. Sie konnte stundenlang vor der Sporthalle eine rauchen.

Tung war nicht nur im Budo Business. Er vertickte auch Wild aus dem Revier eines Nachbarn. Damals gab es noch nicht alles sonntags an der Tankstelle und es wurden auch noch keine Verträge am Telefon rechtskräftig. Ein Bäcker verkaufte kein Bier. Mit einem Mix aus Gymnastikmatten und Rehrücken ging Tung der Zukunft voran.

Sina erzählt

Cole enteiste mich. Er konnte seltsame Sachen. Zum Beispiel beherrschte er Elemente der Tuina-Therapie. Viel später erfuhr ich, dass Cole, Vollwaise seit dem dritten Lebensjahr, bereits als Siebenjährigen in einem Karatekloster auf Okinawa isoliert worden war. Seine in Japan auf dem Budo Path sozialisierte Tante Maeve von Pechstein legte Wert auf eine authentische Erziehung. Die Großmeisterin verlegte ihr Mündel aus Okinawa nach Fuzhou in die Hochburg des White Crane Gong-fu. Die legendäre Shaolin-Mönchstochter Fang Chee-Niang soll in der chinesischen Provinzkapitale beim Beobachten eines impertinenten Kranichs kampfkünstlerisch kreativ geworden sein.

Antike Physiotherapeut:innen* erkannten die optimierte Effektivität von Dǎoyǐn. Sie boten Exerzitien an, die auf Nachahmungen tierischer Bewegungsbilder basierten (Qínxì).

Als Dreizehnjähriger kehrte Cole nach Kassel zurück. Seither unterrichtete er. Schließlich hatte er mich so weit, dass ich mit ihm Energie machte. Ich wurde weicher. Während ich eine Grenze überschritt, kehrten andere um. Sie verbanden Kampftechnik mit Krafttraining. Sie übersetzten Qi mit Quatsch. Sie meldeten sich in Kickboxvereinen an. Sie fragten sich, wie Cole in einem Kampf abschneiden würde. Sie hatten nichts verstanden und waren längst wieder bei ihren Hanteln im Partykeller angekommen.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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