Wut auf Eis/Ein schrecklicher Verdacht

#TexasText/Jamal Tuschick „Legen Sie ihre Wut auf Eis.“ Cole von Pechstein zu Blandine von Hainbach bei einer Wanderung im Habichtswald 1983

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„Ich bin aufgewachsen an Orten, wo die Geister herumspukten.“ Bobby Gillespie

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„Wenn gestreifte Schlangen uns umschleichen.“ Paul Bowles

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„Sie hat besonders für Kostüme geschmackvolle Einfälle und inkliniert für die Theateratmosphäre.“ Thea Sternheim

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„Die Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht nur im Pendelschlag zwischen Tragödie und Farce (Marx nach Hegel).“ Waldemarie von Pechstein in einem Repetitorium 1979. In Geburtsjahr von Meave von Pechsteins Tante wurde Adolf Hitler wegen Landfriedensbruch verurteilt und Josef Stalin zum Generalsekretär der KPdSU erhoben. Den kulturellen Rahmen lieferten die Erstveröffentlichung des Ulysses - und die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun.

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„Legen Sie ihre Wut auf Eis.“ Cole von Pechstein zu Blandine von Hainbach bei einer Wanderung im Habichtswald 1983

A criminal of purpose/Evolutionäre Pole-Position

Was hat Bruce Lee tatsächlich gesagt, und was wurde Miyamoto Musashi in den Mund gelegt? Ein schrecklicher Verdacht mischte die allgemeine Euphorie auf. Sollten sich die Verschworenen der Karateschule Pechstein mit erfundenen Zitaten aufgepulvert haben? In Zweifel gezogen wurden folgende Ansagen nicht zuletzt:

“Do not sleep under a roof. Carry no money or food. Go alone to places frightening to the common brand of men. Become a criminal of purpose. Be put in jail, and extricate yourself by your own wisdom.” Miyamoto Musashi

Verbürgte Verwegenheit/Antike Puzzlestücke

“There is nothing outside of yourself that can ever enable you to get better, stronger, richer, quicker, or smarter. Everything is within.” MM

Die Essenzen verloren ihren Wert, sobald sie nicht von der Verwegenheit der Schwertkampfikone beglaubigt wurden. Als Marketing-Vollmundigkeiten etwa einer selbstermächtigten Energieheilerin mit abgebrochener Physiotherapieausbildung verkehrte sich ihre magische Wirkung. Sobald sich die Binsen nicht mehr mit der exemplarischen Existenz eines Ronin in Verbindung bringen ließen, verflüchtigte sich ihr Motivationspotential.

Maeve hatte die Diskussion angezettelt und gleich das Thema gewechselt. Einige Schülerinnen ging beinah genauso zügig die Mutpuste aus. Sie verzweifelten an ihrer Verwirrung. Sie enttäuschten sich selbst. Wer auf dem Budo Path strauchelt, muss sich oft hinten wieder anstellen und noch mal von vorn anfangen. Die Katharsis wird als Krise erlebt, ohne einen Blick auf den Chancenhorizont. Jahre später bemerkt die Praktizierende Gewinne, die sich unmittelbar aus einem Konzeptversagen ergeben.

Lyrik ohne Ornament

Cole von Pechstein kreuzte den Erdkreis. Er beschritt kampfkünstlerische Saumpfade. Cole suchte unter den Teppichen der Zeit verborgen Puzzlestücke. Es verschlug ihn nach Hongkong. Geld verdiente er als weißer Schurke in Eastern nur deshalb, weil die Stunt-Choreografin Kate Lam und deren Judo-verrückter Bruder Keto in Cole einen Bruder im Geiste erkannten.

Zu Lebzeiten des christlichen Heilands erntete man im Schärenverbund an der Mündung des Perlstroms Salz und Perlen. Ein chinesisches Tortuga bot sich Brigant:innen* als An- und Auslauffläche an. Dann kamen schon die ersten Flüchtlinge, die ein Leben unter mongolischer Herrschaft vermeiden wollten. In der Neuzeit machten Portugies:innen* Hongkong zum Außenposten ihres Imperiums, bis sie von den Brit:innen* verdrängt wurden. Im 19. Jahrhundert stellte sich Hongkong als verträumtes Fischernest dar. Das alles war lange Vergangenheit, als eine Zäsur bevorstand, die alle älteren Wechselfälle in den Schatten stellte.

Hongkong war 157 Jahre britische Kronkolonie

1997 fiel Hongkong zurück an China. Im viertletzten Jahr des britischen Mandats beobachtete Cole von Pechstein das Heraufziehen der neuen Zeit. Die Bevölkerung der Sieben-Millionen-Metropole ballt sich auf einem Bruchteil des Territoriums von Hongkong. Cole traf Leute, die in jedem chinesischen Heimatfilm hätten mitspielen können, sich aber in einem ganz und gar westlichen Sinn definierten. Kate hakte sich bei Cole ein. Brillant analysierte sie, wie und warum ihre Stadt funktionierte. Nach der Zeitenwechsel würde sie ihr Prestige verlieren. Davon ahnte Kate nichts, als sie das massenhafte Zusammenleben auf engstem Raum einleuchtend erklärte. Individualität sei in Hongkong auf das Geschehen am Küchentisch beschränkt. Die Leute besäßen die innere Freiheit, außerhalb der eigenen vier Wände viel für sich behalten zu können.

Kate und Cole führten sich auf wie einem Film, in dem man die Megaskyline stets nur von unten sieht. Kate munkelte: Sie sei als Hongkongerin viel weniger Angehörige einer Nation als vielmehr einer Handelsgemeinschaft, in der niemand weiß, was du willst, wenn du etwas anderes als Geld willst. Es gibt keinen heiligen Gral, keine Hagia Sophia und nicht die hängenden Gärten der Semiramis. Alles ist immer Jetzt. Jetzt ist immer.

Eine Freundin aus Jugendtage kam einst aus Hongkong, erinnerte einen gefährlichen Anflug, rühmte die Pilotenkunst und behauptete, nun zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Permanent Performance. Der Titel wurde unser Programm.

Schneller Leerlauf/Bösartige Unfähigkeit

Kate ergänzte: „Es gibt viel Energie in Hongkong, doch ist nichts dahinter.“

Ausgerechnet in der Stadt Yip Mans übte Kates Bruder Keto Judo, wo er stand und ging. Er hörte nie auf zu trainieren. Keto wollte im Leben weiter nichts als Judo. Er forderte jeden heraus, von dem er eine hohe Meinung hatte.

Man muss auf dem Budo Path bis zum Anfang zurückgehen, um zu verstehen, warum es Kito ging. Der einigermaßen offenen, in vielen Animositäten sich verherrlichen Gegnerschaft zwischen Japan und China zum Trotz ließen Kate und Kito in lauter Kurosawa-Hommages klassische Figuren der Japanischen Saga mit chinesischem Profil auftreten. Immer wieder bezogen sich die Geschwister auf Kurosawas Debüt Sanshiro Sugata, eine Judo- versus Karate-Geschichte der Meji-Epoche. Der Klassiker schildert den MMA*-Mutterkonflikts.

*Mixed Martial Arts.

Einmal fokussiert das Kameraauge ein Porträt von Kanō Jigorō (1860 -1938), einem Generaltransformator auf der Bogenbrücke zwischen Bushido (dem Weg des Kriegers) und Budo (der säkularisierten, entschärften, manche sagen entkernten Variante).

In Hongkong entstanden Filme wie am Fließband, in denen Chines:innen* nach allen Regeln des Gong-fu Japaner:innen* vermöbelten. Die Invasor:innen* waren stets aus dem Holz der unfähigen Bösartigkeit geschnitzt. Furchtbare Nussknacker repräsentierten die Repression in besonders infamen Spielarten. Sie herrschen, obwohl sie nichts auf dem Kasten haben. Chines:innen* interessierte der Widerspruch nicht, und Nicht-Chines:innen* interessierten sich nur für die Hau-den-Lukas-Szenen. Das erlaubte die Abkopplung des Filmgeschehens von der Realität.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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