Alltag

Alltagskommentar | 29.11.2011 16:10 | Mark Stöhr

Das kommt nicht in die Tüte!

Die Grünen fordern eine 22-Cent-Abgabe auf jede Plastiktüte. Mit dem Ende des Plastikbeutels gingen auch Alltagsrituale verloren. Aber das ist es wert, meint unser Autor

Davon können wir später unseren Enkeln erzählen: Dass der Hohlraum unter der Spüle einmal einzig und allein dem Zweck diente, mit Plastiktüten vollgestopft zu werden, eine in die andere verknüllt. Man warf sie beim nächsten Umzug weg. Oder dass es in der Gemüseabteilung im Supermarkt einen Abroller für Plastiktüten gab und jedes Gemüse einen eigenen Beutel bekam. Und dass die Kassierin die Augenbrauen hochzog, wenn wir das Gemüse blank, also ohne Tüte, aufs Band legten. "Das waren selige Zeiten", werden wir zu unseren Enkeln sagen, geordnete Zeiten, in denen es für alles ein Plastikbeutelchen gab. Doch dann erwischte die Polyethylentüte das gleiche Schicksal wie die Glühbirne: Sie landete im Sondermüll der Geschichte. Gut so!

Auf ihrem Parteitag am vergangenen Wochenende forderten die Grünen eine Abgabe von 22 Cent auf jede Plastiktüte. Diese "Umweltabgabe" könnte aber bald schon ein Anachronismus sein. Die EU wird die Plastiktüten über kurz oder lang sowieso aus dem Verkehr ziehen. In Ländern wie Frankreich, Italien, Großbritannien, Australien, China und einigen US-Bundesstaaten ist das schon ganz oder teilweise passiert. Oder es wird ebenfalls eine Abgabe geplant. In Irland sank der "Tütenverbrauch pro Kopf" von 328 auf 21 Stück, seitdem ein Aufschlag von 15 Cent fällig ist. Worüber diskutieren wir eigentlich noch?

Wie immer, wenn ein lieb gewonnenes Alltagsprodukt in Gefahr ist, wird die Diskussion hierzulande schnell irrational. Vielleicht hätte die Forderung besser nicht von den Grünen kommen sollen, denen seit jeher das Image der Spaßbremse anhaftet. Was wird jetzt, fragen sich manche, aus meinem türkischen Lebensmittelhändler um die Ecke? Ist ein Einkauf bei ihm ohne den exzessiven Einsatz von Polyethylen überhaupt noch authentisch? Wie transportieren niedrige Einkommensschichten ihre Einkäufe nach Hause, wenn die Abgabe kommt? Sind die Bio-Plastiktüten als Ersatz nicht eine große Ökolüge, so wie der Biosprit? Und: Muss ich in Zukunft mit nassem Hintern radeln, weil keine Plastiktüte meinen Sattel mehr vor Regen schützt?

Unser Alltag wird sich verändern, ein bisschen. Dafür wissen die Fische im Ozean irgendwann wieder, wie Plankton ohne Plastikfetzen schmeckt. Und vielleicht sollten die Grünen das nächste Mal etwas wirklich Mutiges fordern: eine Sonderabgabe auf Katzen etwa – wegen des Fleischkonsums, des Streus und des Verpackungsmülls von Katzenprodukten sind sie schließlich die schlimmsten Klimasünder unter den Haustieren.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
peter.doerrie schrieb am 29.11.2011 um 17:14
Auch Länder wie Ruanda machen uns hier schon lange vor wie es geht. Keine einzige Plastiktüte in dem ganzen land, dafür bekommt man überall schöne braune Papiertüten.
Zeitwechslerin schrieb am 29.11.2011 um 18:04
Aber ich liebe die Plastiktüte. Ich will sie nicht missen. Sie bändigt und beschützt meine Einkäufe ebenso wie den Müll. Beim Umzug wirft man Platiktüten auch nicht weg, Sie Banause, man tütet alles, was auslaufen könnte, sorgfältig gruppiert ein, bevor man es in die Kartons schichtet. Parfümflaschen ebenso wie bereits geöffnete Farbdosen, ebenso wie die hübschen Öle fürs Kochen.
Und seit dem ein Eimer mit weißer Wandfarbe ausgekippt und über den gesamten Boden des Umzugswagens gelaufen ist, weiß ich auch große Tüten sehr zu schätzen. Wenn 13 Umzugshelfer eineinhalb Stunden weiße Farbe von Holzbeinen und Kisten wischen statt sie reinzutragen, wüssten Sie das auch.

Allein wenn ich für drei Tage verreise, brauche ich vier solide große Tüten, eine für die Schuhe, eine für die Badezimmerartikel, eine für die Schmutzwäsche und eine für alle Fälle. Der elegante Mensch tütet zwar in Stoffbeutel ein, die man zum Besipiel erhält, wenn man teure Ledertaschen kauft, aber die schützen den Wollpulli nicht vor einer ausgelaufenen Shampooflasche und ein Reiseneccecaire hat einen lächerlichen Zuschnitt, betrachtet man den Haufen Pflegeartikel, den ich mitnehm. Im Übrigen sind die Tüten von Aldi die besten. Also nicht die Umweltüte, die ist längst nicht so groß, reißfest und gleitfähig wie die gewöhnliche Altiditüte. Alle anderen Supermarkttüten sind längst nicht so zuverlässig und wiederverwendbar.

Es lebe die Plastiktüte! Kaum einen anderen Haushaltsgegenstand liebe ich so sehr, alles andere schmutzt und krümelt. Allein die Plastiktüte versteht mein Hygienebedürfnis, sie hat uns von sommerlichem Müllgestank aus der Tonne befreit, mit ihr sind Ratten an den Tonnen (und vermtlich auch die Pest) aus den Großstädten verschwunden. Auch ist es mit ihr unwahrscheinlicher, dass der Müll wieder lebendig wird und sich sommerliche Maden an Mülltonnen ranken.
Nene auf die Tüte im Allgemeinen und die Mülltüte, eine besonders nützliche Formation der Plastiktüte, lass ich nichts kommen.

Ich gleich das aus. Mit meiner heißen Liebe zur Mülltüte kann kein Auto mithalten und ich habe keins mehr. In Autos wird auch massiv Plastik verbraten. Mein technischer Schnickschnack ist nur sehr kurze Zeit up-to-date und sehr lange aus der Mode. Was ich da Plastik spare! Warum die Grünen den Einzelbürger nicht mit Technikmarken (so wie Essensmarken im Krieg) nerven, liegt daran, dass die Technik herrschendes Konsumgut ist, die arme Plastiktüte aber keine Lobby hat. Sie ist nicht hipp.

Ich weiß genau, worauf sie rauswollen, die Grünen, sie wollen nicht nur Gesundheitsgefährdung für alle (Maden!! Ratten!! Die Pest!!), nein ich wette das ist nur der erste Schritt, und als Nächstes wird meine Küchenrolle diffamiert. Aber ich werde Widerstand leisten.
miauxx schrieb am 03.12.2011 um 23:31
Was nach meinen Luxusproblemchen kommt ... bitte, verschont mich doch davon!
Matto schrieb am 29.11.2011 um 18:38
Das die Plastiktüten eine Umweltverschmutzung sind, ist lange bekannt. Das die Grünen aber erst jetzt darauf kommen liegt darin, dass sie nicht mit der Plastiktüte, sondern mit dem Klammerbeutel kräftig gebudert worden sind.
claudia schrieb am 30.11.2011 um 11:24
Wenn die letzte Tonne Erdöl auf den Strassen verheizt wurde
gehen auch die Polyethylenbeutel aus. Oder sie werden so teuer, dass ganz selbstverständlich sparsamst mit ihnen umgegangen wird.

>>Im Übrigen sind die Tüten von Aldi die besten.<<
Die von Rossmann sind auch nicht schlecht. Ich verwende eine Rossmanntüte seit fast einem Jahr für Gemüsetransporte. Man kann sie hin und wieder abwaschen und immer wieder verwenden.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.11.2011 um 11:46
claudia schrieb am 30.11.2011 um 11:24
Wenn die letzte Tonne Erdöl auf den Strassen verheizt wurde gehen auch die Polyethylenbeutel aus.

Das sehe ich nicht so.
Ob es nun Beutel aus Polyethylen oder ähnlichen Materialien werden, weiß ich z. Zt. noch nicht.
Aber, Ersatzmaterialien wird es ganz sicher kostengünstig, umweltverträglicher und mit guter Qualität auch in der Zukunft geben.

Auch der Wegfall fossiler Brennstoffe etc. wird von Technikern, Physikern und Chemikern in der Zukunft durch Innovation ohne größere Probleme bewältigt werden.

Daran werden auch Weltuntergangsszenarien von Linken und Grünen nichts ändern.
Nansy schrieb am 02.12.2011 um 08:04
Zitat: "Vielleicht hätte die Forderung besser nicht von den Grünen kommen sollen, denen seit jeher das Image der Spaßbremse anhaftet."

Das ist ja die Untertreibung des Jahres! Die Grünen sind nicht nur Spaßbremsen, sie sind vor allem die Verbotspartei schlechthin. Da fallen mir auf anhieb folgende Verbotsforderungen ein:

Verbot von Motorrollern, Rauchverbote, weitreichende Verbote für Alkohol, Verbot von Alkoholwerbung, Verbot für Süßigkeitenwerbung, totale Grillverbote in Parks und auf Grünflächen, Verbot von Gas-Heizstrahler, Zuchtverbot für Kampfhunde....u.s.w.

Die Aufzählung könnte man bestimmt noch erweitern. Und die 22-Cent-Abgabe auf jede Plastiktüte war ja nur die "zweitbeste Wahl" der Grünen - vorher ging es natürlich um ein Verbot von Plastiktüten!


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