Wochenthema

Wie beendet man die Männerwirtschaft? Die Quote allein reicht nicht aus

Gerechtigkeit | 21.07.2011 07:00 | Werner Vontobel

Frauen an die Macht

Wer in der Geschlechterfrage weiter­kommen will, sollte nicht zuerst für Quoten oder Kitas kämpfen, sondern für mehr Macht aller Arbeitnehmer

Gewiss, Männer sind im Durchschnitt etwas kräftiger gebaut als Frauen. Bloß spielt dies nur noch in wenigen Berufen – und schon gar nicht in gut bezahlten – eine wichtige Rolle. Wahr ist wohl auch, dass Männer und Frauen oft leicht unterschiedlich ticken. Bloß hat noch niemand überzeugend darlegen können, ob und wie sich diese Unterschiede auf die betriebswirtschaftliche Produktivität auswirken. Also müsste man nach streng marktwirtschaftlichen Kriterien davon ausgehen, dass Geschlechtsunterschiede nicht markt- und lohnrelevant sind.

Sind sie aber. Frauen verdienen im Schnitt nur etwa halb so viel wie Männer. Rund die Hälfte dieses Unterschieds erklärt sich dadurch, dass Frauen mehr Teil- und weniger Vollzeitarbeit leisten. Rechnet man mit Vollzeitpensen beziehungsweise Stundenlöhnen, reduziert sich der Unterschied auf etwa neun Prozent in Dänemark, 20 Prozent in der Schweiz und – je nach Quelle und Berechnungsart – 23 bis 24 Prozent in Deutschland.

Auch diese Differenz kann man noch einmal kleiner rechnen und reden, wenn man vergleicht, wie viel Männer und Frauen verdienen, sofern sie eine vergleichbare Arbeit verrichten. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat so in einer Studie einen Lohnunterschied von 13 Prozent berechnet. Dabei, so Studienleiterin Christina Anger, sei erstmals auf strukturelle Faktoren geachtet worden. Entscheidend sei, dass man wirklich nur Frauen und Männer mit ähnlicher Erwerbsbiografie vergleiche, also mit der gleichen Ausbildung, Arbeitserfahrung, Position im Unternehmen und so weiter. Wenn man das tue, schrumpfe der Unterschied. „Man muss einfach aufpassen, dass man da nicht Äpfel mit Birnen vergleicht“, sagt Anger.

Menschen machen Geschenke, um zu überleben

Mag sein, aber erstens heißt das, dass Frauen auch bei gleicher Arbeit noch immer gut anderthalb Monatslöhne weniger Gehalt pro Jahr nach Hause tragen. Zweitens darf man auch weiterhin daran Anstoß nehmen, dass die Männer – um in Frau Angers Bild zu bleiben – die süßen Birnen pflücken, während die Frauen in den sauren Apfel beißen müssen. Selbst bei der Deutschen Telekom sind nun erst zwei von sieben Vorstandsmitgliedern Frauen. Die gut bezahlten Jobs in der Finanzindustrie sind immer noch fast ausschließlich für Männer reserviert, und Teilzeitjobs bleiben die Domäne der Frauen.

Um diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen, werden zwei Ansätze diskutiert: Top Down durch die Einführung von Frauenquoten und Bottom Up durch die Befreiung der Frauen von der Haus- und Erziehungsarbeit. Beides erscheint auf den ersten Blick sinnvoll. Wenn Frauen – wie auch immer – erst einmal oben angelangt sind, ziehen sie – so die Grundidee hinter der Quote – andere Frauen nach. Dass dabei auch weniger gut qualifizierte „Quoten-Frauen“ in Spitzenpositionen gelangen, mag zwar vorkommen, doch ist damit noch lange nicht gesagt, dass die Männer, die sie verdrängen, auch besser qualifiziert sind.

Auch die Forderung nach mehr Kinderkrippen, Ganztagsschulen und besseren Bildungsangeboten für Mütter, die wieder ins Berufsleben einsteigen, ist an sich sympathisch. Doch all diese Ansätze haben einen grundlegenden Fehler: Sie gehen ungeprüft davon aus, dass die Geldwirtschaft gegenüber der Hauswirtschaft Vorrang haben muss. Die Benachteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt wird als „Marktversagen“ betrachtet, das mit „mehr Markt“ gelöst werden kann. Dadurch wird die Chance verpasst, das Nebeneinander von Markt- und Hauswirtschaft beziehungsweise von Geld- und Gabentausch grundsätzlich neu zu überdenken und besser zu regeln.

Beginnen wir mit den Größenordnungen. Gemäß dem Statistischen Bundesamt wurde 2001 nur gut ein Drittel aller geleisteten Arbeit finanziell entschädigt. Zudem – das zeigen andere Statistiken – nimmt die bezahlte Arbeit jedes Jahr um etwa zwei Stunden pro Kopf und Jahr ab. Rund 60 Prozent der Arbeit wurden unentgeltlich innerhalb von Familie und Nachbarschaft geleistet. Fünf Prozent entfielen auf die Arbeitswege. Selbst wenn wir annehmen, dass bezahlte Arbeit doppelt so produktiv ist wie unbezahlte, wird immer noch bloß die Hälfte unserer materiellen Bedürfnisse durch den Markt befriedigt.

Die Bedeutung der Geldwirtschaft schrumpft weiter, wenn wir sie nicht nur am materiellen Wohlstand, sondern am psychischen Wohlbefinden messen. Ob jemand glücklich ist oder nicht, hängt in erster Linie von den sozialen Beziehungen ab, und die wiederum werden in erster Linie in der Familie und in der Nachbarschaft geknüpft. Die Erwerbsarbeit übt hier zunehmend einen negativen Einfluss aus, indem sie soziale Banden immer wieder zerreißt.

Mehr noch: Die unbestrittene Effizienz der Marktwirtschaft beruht geradezu darauf, dass sie Produktion und Austausch von Gütern und Dienstleistungen von der Last der sozialen Beziehungen und Gefühle befreit hat. In der idealen Marktwirtschaft kann jeder mit jedem Handel treiben: Ware gegen Geld, Geld gegen Ware. Der Meistbietende gewinnt. Wer den tiefsten Preis verlangt, erhält den Zuschlag. Die einzige Frage, die bleibt, ist die, ob die Nationalbank, die das Tauschmittel herausgibt, noch vertrauenswürdig ist.

Vor der Geldwirtschaft galten andere Regeln, die der Geschenkwirtschaft beziehungsweise des Gabentauschs. Man schenkte Waren oder Dienstleistungen, um sich die Dankbarkeit der Beschenkten zu sichern. Geschenke und Gegengeschenke waren Teil einer kollektiven Überlebensstrategie, mit der man in Notfällen die gegenseitige Hilfe innerhalb der Familie oder der Sippe sicherstellte.

Neue Umstände,niedrigere Löhne

Obwohl es die meisten Ökonomen nicht wahrhaben wollen, gelten die Regeln des Gabentauschs auch heute noch und zwar nicht nur innerhalb von Familien. Sie spielen auch bei den meisten marktwirtschaftlichen Transaktionen eine wichtige Rolle. Dies gilt insbesondere für Arbeitsverträge. Wie inzwischen Hunderte von Untersuchungen und Experimenten gezeigt haben, offeriert der Arbeitgeber mehr als den reinen Marktlohn und erhält dafür ein Gegengeschenk in Form eines Arbeitseinsatzes, der das tolerierbare Mindestmaß in jedem Fall übersteigt. Der Gabentausch überlagert die Marktwirtschaft.

Die Benachteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt muss auch in diesem Zusammenhang gesehen werden: Männerlöhne waren einst „Ernährerlöhne“. Der (künftige) Familienvater musste mit seinem Lohn Frau und Kinder ernähren können. Ein tieferer Lohn wäre als unfair empfunden und abgelehnt worden. Die Arbeit von Frauen war in der Regel bloß „Zuverdienst“, und dafür galten andere Fairness-Regeln. Weil jedoch unterschiedliche Löhne für die genau gleiche Arbeit den Fairness-Test ebenfalls nicht bestanden hätten, wurden Frauen vorwiegend in so genannten Frauenberufen eingesetzt. Dieses soziale Arrangement blieb von den Fünfziger- bis zum Beginn der Achtzigerjahre recht stabil.

Inzwischen ist die Diskriminierung der Frauen am Arbeitsmarkt unhaltbar geworden. Gesucht ist ein den neuen Umständen angepasstes, intelligenteres Arrangement. Das wichtigste Kriterium, an dem dieses gemessen werden muss, ist immer dasselbe – ein ungefähres soziales Gleichgewicht.

Das heißt aber, dass es nicht genügt, den Frauen einen besseren Zugang zum und Aufstieg im Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Dies würde bloß das Arbeitsangebot erhöhen und damit das Machtgefälle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern weiter verschärfen. Schon heute gilt das Prinzip des Ernährerlohns auch für die Männer nicht mehr, zumindest nicht für die jungen Männer. Heute gilt: Fair ist, was Arbeit schafft – egal zu welchem Lohn. Gleiche Rechte für Frauen und Männer bedeuten unter diesen Umständen Recht- und Machtlosigkeit für alle.

Das Geld darf nicht alles andere unterwerfen

Gesucht ist also ein neues soziales Arrangement, das die Macht aller Arbeitnehmer – Frauen und Männer – stärkt und so das ungefähre Gleichgewicht der Macht wieder herstellt, das uns in den „goldenen 30 Jahren“ Vollbeschäftigung und breiten Wohlstand gebracht hatte. Eine notwendige ­Voraussetzung dazu ist die Stärkung der lokalen Haus- und Familienwirtschaft gegenüber der globalen Geldwirtschaft. Der Arbeitnehmer, Mann oder Frau, muss wieder sagen können: „Bei dem Lohn arbeite ich lieber zu Hause.“ Nur so können auch Frauen am Arbeitsmarkt „Ernährerlöhne“ durchsetzen.

Die Lösungen der Geschlechterfrage, die jetzt diskutiert werden, bewirken aber das genaue Gegenteil: die totale Unterordnung der Haushalte unter die arbeitsteilige Geldwirtschaft. Zu diesem Zweck soll die Haus- und Erziehungsarbeit entweder kommerzialisiert oder verstaatlicht werden. Mütter und Väter, so das Kalkül, könnten dann jederzeit und überall und ohne Rücksicht auf soziale Verpflichtungen den zurzeit gerade optimalen Job annehmen.

Eine derart auf Effizienz getrimmte Wirtschaft könnte zwar die Weltmärkte erobern und immense – aber wie wir jetzt sehen, letztlich wertlose – Guthaben gegenüber allen Handelspartnern anhäufen. Doch ein solches Modell hat keine Zukunft. Man kann nicht die Wirtschaft organisieren, indem man gleichzeitig die Gesellschaft desorganisiert.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Kunibert Hurtig schrieb am 21.07.2011 um 10:10
Macht teilen? Nääääää, das wird beim Radikalfeminismus auf elementare Bedenken stoßen und Ablehung provozieren ... da besteht noch Diskussionsbedarf.
Und was die Revolution angeht: Der rot angemahlte Daumennagel auf dem Poster braucht unbedingt eine Schutzhülle; allein die Vorstellung, dass er einen Riss bekommt durch revolutionäre Aktivitäten, klappt bei mir schon die Zahnägel hoch.
Konstanze schrieb am 21.07.2011 um 10:54
Sehr geehrter Herr Vontovel,
"Dieses soziale Arrangement blieb von den Fünfziger- bis zum Beginn der Achtzigerjahre recht stabil." Nur war es - in dieser einzigartigen westdeutschen Brille - eine eher männliche Vollbeschäftigung (von der sie auch an anderer Stelle -geschlechtsneutral sprechen.)

Emanzipative "Übergangs"elemente wie Quote und Kitaausbau jetzt gegen sinnvolle Umverteilungsforderungen im aktuellen Kampf um höhere Löhne - mithilfe einer langweiligen Bataillschen Betrachung marktwirschaftlich geprägter Tauschbeziegungen in die ganze Volkswirtschaft zu flechten - zu stellen, ist schon ein merkwürdiger "linker" Reflex. In der Konsequenz dient er dazu, widerpruchsfreie partriachale Handlungsstrategien aufrecht zu erhalten.
Statt endlich beherzt zu sagen:
- Eltergeld ja, aber auch sozial gerecht (auch für nicht Erwerbseinkommenbezieher/-innen) und wegen meiner zwischen den Eltern egal welchen Geschlechts in den Zeiten hälftig geteilt;
- Quote Ja, aber eben auch bei Einstellungen von männlichen Erziehern;
- Kitaausbau Ja, ja, ja, aber so, dass es allen Familienformen entgegenkommt und nicht "nur" als "Frauenentlastung" oder Effektivierung der Doppelbelastung erlebt wird, usw., ganz abgesehen vom Bildungsanspruch an Kitas, der mindestens genauso entscheidend ist -
dann kommen wir meiner Meinung nach einer geschlechtergerechten Politik näher, als sie im allgemeinen Kampf um höhere Löhne, der unbedingt geführt werden soll, aufzulösen. (Abgesehen von der Neubegründung einer Rangfolge von Widerspruchskonstellationen und Herrschaftsstrukturen in heutigen Gesellschaften. Das ist wirklich kalter Kaffee.)
Im Artikel klingt eher an, dass einem die weibliche Konkurrenz auf dem "Arbeitsmarkt" schon deshalb stört, weil sie nicht verstanden hätte, dass man nicht jeden Zipfel des Lebens kapitalisieren sollte.

Wie wäre es mit einem Kampf für höhere Löhne UND einer gleichzeitigen Perspektive, Lohnarbeit endlich zu überwinden? In diesen Lichte lässt sich dann Quote und Kita nicht allein in ihre kapitale Vereinnahmung tauchen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 22.07.2011 um 01:06
Ich stimme Ihnen, Konstanze, weitestgehend zu, füge noch an, dass gerade die Gewerkschaften hier in der Vergangenheit große Spielräume gehabt hätten, die Lohnpolitik gerechter, vor allem intelligenter, resp. Frauen- und familienfreundlicher zu gestalten. Meiner Erfahrung nach haben die Gewerkschaften oder Berufsständevertretungen hier sowohl in Richtung "Gleiche Löhne für alle" als auch hinsichtlich "Familien- und Familienformen", erst Recht in Bezug auf die Quote versagt. Gründe, warum z. B. auf medizinischem Sektor, Frauen, trotz besserer Abschlüsse, auf ganzer Front den Kürzeren ziehen. Darüber können auch an Universitäten die zunehmend mit Professorinnen besetzten Stellen nicht hinwegtäuschen. Es sind in der Tat tiefverwurzelte, patriarchalische Bewusstseinsstrukturen, die kruderweise für starre Schichtzeiten, Überstunden und Hierarchieformen (leider kein kalter Kaffee) sorgen, die nicht nur Aufstiegs- sondern nach wie vor sogar den Verbleib im Beruf in Krankenhäusern in Frage stellen. Über die volkswirtschaftlichen Folgen dieser Ausstiegsszenarien spricht übrigens kaum einer: Ein Problem, das den ganzen Gesundheitssektor beherrscht sind die hohe Fluktuationsraten. Leider ist der neue Präsident der Bundesärztekammer, in Personalunion auch Präsident der Ärztekammer Hamburg, Frank Ulrich Montgomery, kaum als Hoffnungsträger zu bezeichnen. Als Funktionsträger des Marburger Bundes hat er zwar für höhere Löhne gekämpft, aber wenn er jetzt auf seiner Web-Seite behauptet: „Ich wünsche mir, dass es mir – im Zusammenwirken mit anderen – gelingt, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für Ärztinnen und Ärzte zu erreichen,(…) dann klingt das doch seltsam hohl. In der Vergangenheit haben Frauen, überspitzt gesagt, bei Arbeitsgerichten bis hin nach Straßburg für ihre Rechte alleine kämpfen müssen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 22.07.2011 um 01:15
frauenfreundlicher-und
Austiegsmöglichkeiten sondern
Ehemaliger Nutzer schrieb am 22.07.2011 um 01:18
Aufstiegsmöglichkeiten sondern
JürgenLa schrieb am 21.07.2011 um 11:35
Der Feminismuswahn schadet der gesamten Gesellschaft - Männern wie Frauen. Es ist Zeit für Vernunft!

Hier die Replik eines Machos: le-bohemien.net/2011/07/14/leitkultur-feminismus/
Magda schrieb am 21.07.2011 um 12:02
Sehr geehrter Herr Vontobel,
warum heißt der Beitrag eigentlich “Frauen an die Macht”? Keine Ahnung.

Er ist - halten zu Gnaden - stinklangweilig. Er erhärtet einige - auch nicht neue - Zahlen und Befunde. Und erklärt - lang und breit - das Wesen des Arbeitsmarktes unter kapitalistischen Bedingungen. Außerdem beklagt er einen Zustand, der ohne eine völlig neue Sicht und ein anderes Arrangement - nicht zu ändern ist. Und durch Kindergärten und Quoten auch nicht. Na, wunderbar. Es muss was ganz Neues her. Danke, danke. Das kennen die Frauen schon. Erst muss dieses und dann jenes...nochmals Dank.

Sie schreiben:
Das heißt aber, dass es nicht genügt, den Frauen einen besseren Zugang zum und Aufstieg im Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Dies würde bloß das Arbeitsangebot erhöhen und damit das Machtgefälle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern weiter verschärfen. Schon heute gilt das Prinzip des Ernährerlohns auch für die Männer nicht mehr, zumindest nicht für die jungen Männer. Heute gilt: Fair ist, was Arbeit schafft – egal zu welchem Lohn. Gleiche Rechte für Frauen und Männer bedeuten unter diesen Umständen Recht- und Machtlosigkeit für alle.
Wenn ichs richtig verstanden habe, meinen Sie: Der bessere Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt erhöht nur die Konkurrenz zwischen Männern und Frauen zugunsten des Arbeitgebers. Das Ding kenne ich als Spruch über die zu hohe Erwerbsneigung der Frauen in den neuen Bundesländern aus den frühen neunzigern. Da galt das als Remedur gegen zu hohe Arbeitslosigkeit

Sie meinen:
Gesucht ist also ein neues soziales Arrangement, das die Macht aller Arbeitnehmer – Frauen und Männer – stärkt und so das ungefähre Gleichgewicht der Macht wieder herstellt, das uns in den „goldenen 30 Jahren“ Vollbeschäftigung und breiten Wohlstand gebracht hatte. Eine notwendige ­Voraussetzung dazu ist die Stärkung der lokalen Haus- und Familienwirtschaft gegenüber der globalen Geldwirtschaft. Der Arbeitnehmer, Mann oder Frau, muss wieder sagen können: „Bei dem Lohn arbeite ich lieber zu Hause.“ Nur so können auch Frauen am Arbeitsmarkt „Ernährerlöhne“ durchsetzen.

Die “goldenen 30 Jahre”. Hatten Frauen da mehr Chancen?
Ich habe verstanden, dass - wenn Frauen und Männer die Wahl haben, zu Hause bleiben zu können- sich am Markt höhere Löhne durchsetzen lassen auch für Frauen.
Das kann ich nur als einen Scherz verstehen.
Dann werdens wohl wieder die Frauen sein, die zu Hause bleiben und auf ihre Chance warten.

Das ist der hundertste Aufguss von Haupt- und Nebenwiderspruch als Denkfigur. Und im Grunde genommen ein trojanisches Pferd mit ein bisschen Rosstäuscherei.
j-ap schrieb am 21.07.2011 um 13:26
»Das kann ich nur als einen Scherz verstehen.«

Also ich finde den Artikel von Herrn Vontobel nicht mehr lustig; und das liegt nicht an den trojanischen Rössern, sondern an der beinharten autoritären Harmoniesehnsucht, die hier untergezogen wird:

Die »goldenen 30 Jahre« von 1945 bis 1975, als es noch gerechte Löhne fürs gerechte Tagwerk gab; als die deutsche Scholle noch was wert war; als die formierte Gesellschaft des Wirtschaftswunders noch klare Feindbilder kannte und man noch genau wußte, wofür oder wogegen man sein konnte; als man die Schwulen und andere Sittlichkeitsverbrecher noch hinter Schloß und Riegel brachte und sie nicht frei herumlaufen ließ, damit sie den anständigen Nachwuchs verderben; als die »Haus- und Erziehungsarbeit« noch klar verteilt und gar nicht kommerzialisiert war (weil die Frau gefälligst aufs Haushaltsgeld zu warten hatte); als man noch die Zustimmung des Familienoberhauptes einholen mußte, um außer Haus, d.h. fürs widerliche Geld (und nicht umsonst, wie daheim) zu arbeiten; als die unmittelbare dörfliche Sozialkontrolle noch sicherstellte, daß niemand aus der Reihe tanzt (oder gar »hysterisch« wird, wenn einem mal jemand an den Hintern langt) ... kurz: damals, als die Welt noch in Ordnung war, ja, da war die Welt noch in Ordnung.

So ein erzreaktionärer Schwachsinn wird hier als Einstieg ins Wochenthema verbreitet.
THX1138 schrieb am 21.07.2011 um 14:23
Mit Verlaub, j-ap, aber mit diesem Kommentar sind Sie gerade tüchtig gestolpert- hier handelt es sich um einen rein ökonomisch zu lesenden Text in dem eine ganz klare Botschaft steckt:

Gibt es eine Welt jenseits des Bruttoinlandsproduktes? Das neue soziale Arrangement wird sich vor allem mit der Messbarkeit aller in einer Volkswirtschaft erbrachten Leistungen auseinandersetzen müssen, auch Leitungen, die bisher noch nicht in die BIP-Statistiken eingeflossen sind. Es geht um eine Neudefinition des Begriffs Arbeit, und auch darum, ob die bislang zur Verfügung stehenden ökonometrischen Methoden wirklich alles erfassen, was innerhalb einer global vernetzten Volkswirtschaft von Belang ist.

Ich glaube eher nicht.
j-ap schrieb am 21.07.2011 um 14:35
»... hier handelt es sich um einen rein ökonomisch zu lesenden Text ...« — Glauben Sie denn, lieber THX1138, daß es soetwas wie »rein ökonomisch« gibt?

Glauben Sie nicht, daß das eine (die reine Ökonomie) mit dem andern (dem reinen Rest) etwas zu tun haben könnte?

Glauben Sie nicht, daß das alte »rein ökonomische« Phantasma von stabilen Löhnen, stabilen Wechselkursen, vom Geld, das als reines Tauschmittel und sonst nichts fungiert, als Kredit der Produktion dient und nicht wieder nur noch mehr Geld wird, mit dem anderen Phantasma von den »stabilen« sozialen Verhältnissen korrespondiert?
Pristine schrieb am 21.07.2011 um 12:56
Gerechtigkeit - aber gerne, immer!
Gibt´s zwischen Frauen und Männern zumindest schon auf einem Papier namens Grundgesetz. Aber Grundrechte sind nun mal keine Selbstläufer. Jede(r), der sie für sich einfordert, muss etwas zu ihrer Erhaltung bzw. Umsetzung in die gesellschaftliche Realität beitragen.

Man hat uns Frauen mit Art. 3 Abs. 2 GG aufs Töpfchen gesetzt, aber machen - das müssen wir immer noch selbst, gell.
Auf geht´s.
Maxi Scharfenberg schrieb am 21.07.2011 um 13:20
Der Titel ist schlicht irreführend. Kernaussagen wie, " Frauen verdienen im Schnitt nur etwa halb so viel wie Männer" sind einfach nur falsch. Ist nicht einmal offiziell" gefälschte" Statistik. Die Schlussfolgerungen sind nicht zutreffend. Die Analyse ist nicht systematisch.

Der Irrtum: Die Frauen müssen nicht an die Macht. Die Frauen waren nie weg, von der Macht. Sie sind die eigentliche Macht, die wahre Macht in jeder zivilisierten Gesellschaft. Die Männer haben es manchmal gemerkt und oft auch nicht, dass sie die macht beizeiten verloren.

Bis heute verstehen die meisten nicht, dass es den Frauenrechtlerinnen sehr oft weniger um Gleichberechtigung geht, sondern vielmehr um die vollständige Macht in der Gesellschaft. Und da gibt es nichts zu teilen.

Die Entlohnung von Männern und Frauen im Arbeitnehmerreich ist der denkbar falsche Massstab, um die vermeintlich gerechte oder ungerechte Vergütung sämtlicher in der Gesellschaft zu leistender "Arbeit" , quasi im Marx'schen Sinne zu beurteilen. Auf die tatsächliche Verteilung des gesellschaftlichen Ertrags und des Vermögens muss abgestellt werden. Dabei wird deutlich werden, dass das überhaupt keine Frage des Geschlechtes ist, wer etwas hat und wer schon immer nichts hat. Aber ohne Dialektik bleibt Erkenntnis verbaut.

Maxi Scharfenberg
(KPM)
BerndF schrieb am 21.07.2011 um 16:02
Der Titel sagt schon alles! Es geht eben darum das (einige) Frauen die Macht wollen, es geht schon lange nicht mehr um Gleichberechtigung. Zumal Frauen in der westlichen Welt sowieso schon sehr viel macht haben. Das fängt bei Kaufentscheidungen an (Warum sonst wird Werbung, jetzt mal abgesehen von Rasiergel aber auch teilweise da schon, für Frauen zugeschnitten), Männer werden in Film und Fernsehen oft als Verlierer dargestellt, Jungen fehlen in der Kindheit positiv besetzte männliche Vorbilder, auch im Bildungssystem wird vieles auf Mädchen / junge Frauen ausgerichtet. Alles nichts neues, wissen wir alles schon länger passiert ist trotzdem nichts.

Meiner Vorrednerin Maxi Scharfenberg schließe ich mich zudem vollkommen an.

Bernd Freundlich
Ehemaliger Nutzer schrieb am 21.07.2011 um 16:16
Mich würde- völlig unvoreingenommen- mal interesieren wo diese 13% Lohnunterschied von Männern und Frauen bei gleicher Qualifizierung denn wirklich auftauchen.

Warum ich das frage? Nun- betrachten wir einen Moment die Arbeitswelt. Der Großteil wird von Tätigkeiten wie Kassierer und Kassiererinnen, Bürokaufmänner und Frauen, Arzthelfen und Arzthelferinnen, Altenpleger und Altenpflegerinnen, Busfahrer und Busfahrinnen, Montagearbeiter und Arbeiterinnen usw ausgemacht.
Kurz gesagt: Mehr oder weniger einfache Tätigkeiten nach denen die Bezahlung laut Tarifvertrag erfolgt oder zumindest an einen Tarifverstrag angelehnt und die Einordnung in Lohngruppen und die jeweilige Tätigkeitsbeschreibung klar festgelegt ist.
Und ein Tarifvertrag sieht keine unterschiedliche Bezahlung nach Geschlechtern vor. Der Chef kann auch schlecht sagen: Du bist nen Mann, also stufe ich dich freiwillig eine Stufe höher ein. Viele Mitarbeiter bleiben jahre teilweise sogar jahrzehntelang in der selben Lohngruppe weil sie keine große Karriere machen. Also wie kommt diese Differenz von 13% zustande?

Es muss diese Fälle doch massenhaft geben; es muss doch beispielsweise einen Supermarkt wo der Kassierer 10 % mehr verdient, als seine Kollegin die eine Kasse weiter sitzt, geben?

Nur warum hört man davon nie? Wenn dies die Lebensrealität der Menschen ist, warum wird immer nur mit Zahlen argumentiert und nicht mit konkreten Beispielen für eine solche Ungleichbehandlung?

Ich will nicht bestreiten das es diese Fälle von ungleicher Bezahlung gibt; nur betreffen sie nicht die Masse der Beschäftigten, sondern Sonderfälle. Hoch qualifizierte Arbeitnehmerinnen bei denen bei der Festlegung ihres Gehaltes viel Ermessenspielraum besteht. DA kommt es zu Ungleichbehandlung- bei den meisten normalen Arbeitnehmerinnen geht das überhaupt nicht, da die Einordnung in die entsprechende Lohngruppe durch die Tätigkeitsbeschreibung im Tarifvertrag klar festgelegt ist.

Doch machen diese Sonderfälle die absolute Summe von 13% aus?
nimzowisch schrieb am 21.07.2011 um 22:46
"
Nur warum hört man davon nie? Wenn dies die Lebensrealität der Menschen ist, warum wird immer nur mit Zahlen argumentiert und nicht mit konkreten Beispielen für eine solche Ungleichbehandlung?"

Weil es keine gibt.
Gäbe es für Unternehmer die Möglichkeit 13% einzusparen, würden nur noch Frauen arbeiten. Dies ist aber nicht der Fall.
Kunibert Hurtig schrieb am 21.07.2011 um 18:44
Auf der einen Seite beklagt der Autor die Lohndifferenz als da 23 bis 24 Prozent auftauchen:
… 20 Prozent in der Schweiz und – je nach Quelle und Berechnungsart – 23 bis 24 Prozent in Deutschland…
Mit diesem Argument begibt sich der Autor – unabhängig davon, ob es falsch oder richtig, belegbar oder aus der Luft gegriffen ist- auf Angeltour: Fishing for Compliments.
Er relativiert im nächsten Satz Auch diese Differenz kann man noch einmal kleiner rechnen und reden … die Gültigkeit der ersten Aussage, die damit diskussionswürdig wäre, aber ohne die Aufdringlichkeit einer begleitenden belegbaren Größe einher kommt.
Kurze Zeit später jedoch wird auch diese einschränkende Bedingung definiert mit der Aussage: Entscheidend sei, dass man wirklich nur Frauen und Männer mit ähnlicher Erwerbsbiografie vergleiche, also mit der gleichen Ausbildung, Arbeitserfahrung, Position im Unternehmen und so weiter. Wenn man das tue, schrumpfe der Unterschied. „Man muss einfach aufpassen, dass man da nicht Äpfel mit Birnen vergleicht“, sagt Anger.
Hier findet die grundlegende Einstimmung in das Thema statt (bei manchem(r) eben nicht), die den nachfolgenden Text, der in epischer Breite und mit gängigen Metaphern auf die belegten Ungerechtigkeiten untermalend hinweist und der geneigte Leser nickend die als Kränkung schon längst autoattestierte illegale Lohnpfändung beklagt.
Eingebettet in einen Watteberg – der mit einem Schuss Trivialökonomie, postrevolutionärer Anspruchsromantik und pittoresken Konsequenzen für das gesellschaftliche Modell, Tenor in der Überschrift, parfümiert wurde – fällt das Urteil über die herrschenden(1) Unfairhältnisse: Wir müssen das alles anders machen, volkswirtschaftlich lösen, in einem Produktivität frei setzenden Prozess hocheffektiver Personalressourcen, die sich einhellig einig sind, dass die ökonomischen Bedingungen identisch einher kommen:
Eine derart auf Effizienz getrimmte Wirtschaft könnte zwar die Weltmärkte erobern und immense – aber wie wir jetzt sehen, letztlich wertlose – Guthaben gegenüber allen Handelspartnern anhäufen. Doch ein solches Modell hat keine Zukunft.
Sollte das vielleicht im Umkehrschluss heißen, dass der im Thema angelegte Forderung auf Grund absehbarer Folgen keine Zukunftsfähigkeit bescheinigt werden könne? Aber so wirklich herauslesen kann man das nicht.
nimzowisch schrieb am 21.07.2011 um 22:44
Öch nö, nicht schon wieder ein 23%-weniger-Märchenbeitrag. Echt nicht...
Und auch nicht diese Äpfel-mit-Birnen-Vergleicherei "vergleichbare Arbeit". Echt, bitte nicht diesen Schmarrn!

Ich habe übrigens 15 Monate Zwangdienst geleistet, unter teils entwürdigen Bedingungen. An wen kann ich mich als Mann wenden um diese Gehaltsausfälle einzufordern?
TH schrieb am 22.07.2011 um 09:46
In diesem Zusammenhang vielleicht auch zum Nachdenken anregend das folgende Lied "In der Karrierekurve" (gemeint ist natürlich vor allem die dritte nachdenkliche Strophe):

Hier: thorsten-hild.bloggospace.de/137749/In-der-Karrierekurve/

Und live gestern in der Böse Buben Bar (2. Lied auf der Aufnahme) hier (sogar mit H i n w e i s a u f d a s T i t e l t h e m a d e s F r e i t a g s , den ich bei jeder Gelegenheit empfehle, eben weil er kontroversen Themen Platz einräumt und zum Nachdenken anregt; doch jetzt genug der Werbung, hört mal rein): thorsten-hild.bloggospace.de/142231/Neu-Auf-ein-Lied-in-der-Bose-Buben-Bar-Live-21-07-2011-Grose-Liebe-u-In-der-Karrierekurve/
Calvani schrieb am 24.07.2011 um 15:46
Die grundsätzliche Betrachtung, die in diesem Artikel vorgenommen wird, gefällt mir zwar gut und stimmt mich nach den letzten Ausflügen des Freitags in der Genderdebatte optimistisch, aber sie verfehlt letztendlich das Thema der Geschlechterfrage.
Aus der Gegenüberstellung von "Geldwirtschaft" und "Hauswirtschaft" wird geschlussfolgert, dass ein breiterer Zugang zur Geldwirtschaft durch Kommerzialisierung der Hauswirtschaft dieselbe desorganisere. Davon kann allerdings keine Rede sein, die Hauswirtschaft würde nicht desorganisiert durch "Bottom up", sondern anders organisiert.
Und welchen ausgleichenden Effekt zwischen Männern und Frauen hätte es, wenn es die im Text geschilderte Möglichkeit gäbe, zu sagen: „Bei dem Lohn arbeite ich lieber zu Hause“?
Die Behauptung, dass Frauen dadurch "Ernährerlöhne" durchsetzten könnten, halte ich für falsch. Vermutlich würden Frauen dann weiterhin vermehrt in der unentgeltlichen Hauswirtschaft bleiben.
Bis zur Mitte des Artikels war ich wirklich guter Dinge, die Konklusion aber spielt die Interessen berufstätiger Frauen gegen die der Arbeitnehmer insgesamt aus, dabei wäre ein konsequent kummulativer Ansatz doch so viel wünschenswerter und notwendiger.
Schade!
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