Wochenthema

In der Krise heißt die Frage: Wie wollen wir leben? Drei Ausblicke

Utopie | 12.03.2009 06:00 | Robert Misik

Hallo Zukunft

Kapitalismus ­kaputt? Macht nichts. Denn Krisenzeiten waren immer auch Momente, in denen Utopien aus dem Boden schossen

Vor ein paar Jahren brachte der Liederschreiber, Sänger, Theatermacher und Buchautor Peter Licht ein Album mit dem aufreizend unzeitgemäßen Titel heraus: „Lieder vom Ende des Kapitalismus“. In dem titelgebenden Stück hieß es:

„Hast du schon hast du schon gehört / das ist das Ende /
das Ende vom Kapitalismus / jetzt isser endlich vorbei. /
Vorbei / vorbei / vorbei / vorbei / vorbei vor-horbei /
vorbei / vorbei / vor vorbei vorbei /
Jetzt isser endlich vorbei.“

In einem Interview führte der Sänger aus, ihm wäre es dabei um die Behauptung gegangen, „es könnte sich auch alles anders ändern“. Und im Nachsetzen: „Es könnte doch sein, dass es den Kapitalismus ab morgen nicht mehr gibt.“ Das war, es ist noch nicht viele Jahre her, die Formulierung der Utopie im Betriebsmodus des Absurden. Die Option, dass alles anders sein könnte, wurde gerade nicht als Reales behandelt, sondern als esoterisches Phantasma: dass alles anders ist, kann man sich vorstellen, so wie man sich alles mögliche vorstellen kann, etwa, dass die Schwerkraft morgen nicht mehr gilt oder die Sonne um die Erde kreist. So verdoppelte die Behauptung, der Kapitalismus könne plötzlich „vorbei“ sein, den grassierenden Utopieverlust, und paradoxerweise hat sich auch heute so viel daran nicht geändert. Mittlerweile ist zwar ein Totalkollaps der kapitalistischen Produktionsweise vorstellbar, ein chaotisches Wirtschaftsamargeddon aus Kumulation systemischer Risiken, Bankenkrach und Staatsbankrotten – aber eine andere Ordnung? Eine gute Idee? Einen Idealstaat gar? Funkstille – die hat keiner.

Freilich, es ist nicht ausgemacht, dass eine solche nicht entsteht. Krisenzeiten waren immer auch „Verwandlungs-Zeiträume“, wie das der Historiker Immanuel Wallerstein nennt. Utopien schießen nicht aus dem Boden, wenn alles gut läuft, sondern wenn die Dinge im Argen liegen. Das utopische Bewusstsein ist halb Antipode des Apokalytischen, halb dessen Zwilling, weil die Apokalypse als Durchgangsstadium zur Herrlichkeit gesehen wird. Solches Krisenbewusstsein erlebt Krisen nicht als ausweglose Malaise, sondern als systemische Weichenstellung. Und sei es bloß als Trost, wie bei Hölderlin: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch?“ – Was eigentlich, wenn nirgendwo Rettendes wächst?

Die großen Utopien waren aseptische Phantasien

Utopien stehen in einen schlechten Ruf, aus verschiedenen Gründen. Schließlich sind Utopien meist Kopfgeburten, etwas für phantasievolle Schwärmer. Die erste und gleich kollossalste Utopie war natürlich die Religion und schon früh waren in dieser jene Ingredienzien angelegt, deren Spuren sich auch in den modernsten Utopien finden: die Idee des Messianischen; des Sprunges von einem Reich der Bedrücktheit in das der Freiheit; die Schaffung eines neuen Menschen. Später dann die „großen Utopien“, die man früher schon als realitätsfremde Kopfgeburten bezeichnete, als „Träume, von einem Himmel, der niemals auf der Erde existieren“ kann (Wallerstein). Meist hatten sie etwas von aseptischen Phantasien, mögen wir etwa an Thomas Morus’ „Utopia“ aus dem 16. oder an Ernest Callenbachs „Ökotopia“ aus dem 20. Jahrhundert denken.

Sie malten sich eine vernünftige, widerspruchsfreie und etwas zu gut aufgeräumte Welt aus – oder so genannte „Idealstaaten“ – aber sie meinten ihre Sache durchaus ernst. Ihr Betriebsmodus war der des pausbäckigen Vernunftglaubens: Man muss sich eine gute Ordnung nur im Kopfe entwerfen, dann brächte man die Menschen, diese vernunftbegabten Wesen, schon dazu, eine solche Welt zu schaffen. Die Ideen waren am Reißbrett skizziert und die Welt, die sie zeichneten, roch ein wenig nach den Phantasiewelten aus heutigen Science-Fiction-Filmen.

Wie man von der schlechten Realwelt in die gute Idealwelt kommen sollte, darauf gaben sie meist keine plausible Antwort. Die versuchte der Marxismus, der sich nicht zuletzt gegen den „utopischen Sozialismus“ wandte, also gegen die „utopische Utopie“, und selbst so etwas wie einen „anti-utopischen Utopismus“ etablierte. Weil das Wünschen wenig hilft, wenn in der Realität keine Tendenzen auszumachen sind, die dem Guten günstig sind, versuchte Karl Marx die Utopie in der Wirklichkeit zu verankern. „Die Befreiung ist eine geschichtliche Tat, keine Gedankentat“, dekretierte er. Der Kommunismus müsse aus der Wirklichkeit kommen, nicht aus dem Kopf. Ein ordentlicher Marxist hätte sein Gesellschaftsmodell nie und nimmer als Utopie gesehen – alles das, was er sich an Wünschenswertem ausgemalt haben mag, war für ihn schon als Potenz angelegt in der Wirklichkeit des Kapitalismus.

Utopisches Bewusstsein braucht freilich nicht unbedingt die Vorstellung einer „idealen Ordnung“, eine Schwundform des Utopischen war immer auch die Fortschrittsidee. Die war getragen von einer Zukunftszuversicht, der Gewissheit, dass es – grosso modo – eine Verbesserung gebe in den Geschicken der Menschheit. So war die klassische Moderne als solche durchzogen von utopischen Bewusstsein, wurde, als „utopischer Moment“ (Susan Sontag) erlebt, war verbunden mit Optimismus, Kühnheit, Idealen. Selbst diese Schwundformen des Utopischen sind in den vergangenen Jahren verloren gegangen. Auch wenn nur wenige bestreiten würden, dass es weiter „Fortschritte“ – im Plural – gibt, im Sinne der Verfeinerung von Technologien, von Innovation, auch von Verbesserungen in gesellschaftlicher Hinsicht, so ist kaum mehr jemand überzeugt, dass „der Fortschritt“ – im Singular – ein Gesetz der Geschichte sei. Eher wird er, wenn schon, als kontingent empfunden – es kann ihn geben, muss aber nicht. Besser: Er tanzt mit dem Rückschritt seinen Polka – zwei Schritt vor, zwei Schritt zurück.

In gewissem Sinne war die neoliberale Phantasie-Ideologie, die gerade untergegangen ist, die bislang letzte große Utopie, wenngleich eine etwas eigentümliche. Sie war getragen vom Optimismus, dass Deregulierung und freie Märkte im globalen Maßstab die Welt reicher und besser machen würde, aber sie war auch davon überzeugt, dass das Wesentliche schon erreicht sei. Sie sah ihre „Utopie“ als verwirklicht an. Die liberalen und demokratischen Marktwirtschaften seien die beste aller denkbaren Ordnungen, das „Ziel“ gesellschaftlichen Fortschritts schon erreicht. Das war letztendlich die Pointe von Francis Fukuyamas Idee vom „Ende der Geschichte“.

Die gesamte westliche kritische Tradition war immer von unausgesprochenen inneren Motiven des Utopischen durchzogen. Es wurde ja nicht einfach kritisiert, weil es so vieles gibt, was Wert wäre, kritisiert zu werden. Ein Akt der Kritik implizierte, dass etwas in eine Krise geraten ist und durch Neues ersetzt werden müsse. Utopisches Zeiterleben erlaubte daher auch, mit Krisen produktiv umzugehen. Utopieverlust hat aus diesem Grund auch groteske Folgen, worauf der slowenische Philosoph Slavoj Zizek hinwies: So habe etwa die ökologische Bewegung absolut einsichtig gemacht, den Weltuntergang für höchst realistisch zu halten. Gleichzeitig kann sich keiner auch nur die kleinste Änderung des Wirtschaftssystems vorstellen. Skurriles Fazit: Die Endlichkeit der Welt mag realistisch sein, der Kapitalismus ist ewig. Zumindest galt das bis zum 15. September, bis zu dem Tag, als die US-Regierung LehmanBrothers kollabieren ließ.

Der Gegner des Utopischen – kleingeistige Realisten

Seither kann man sich auch den Zusammenbruch des Kapitalismus realistisch vorstellen. An Krisenbewusstsein herrscht kein Mangel mehr. Die Praktiker versuchen den Zusammenbruch zu verhindern. In ministeriellen Planungsabteilungen wird über Finanzmarktregulierungen nachgedacht, in der Hoffnung, dass es da demnächst überhaupt noch etwas zu regulieren gibt. Auf Attac-Kongressen wird über „Solidarische Ökonomie“ diskutiert und über Modelle von „New Work“ – über neue Arbeitsformen in den Ruinen des Kapitalismus, in denen nichts mehr geht. Die verwüsteten Gebiete gibt es heute schon, etwa in der Innenstadt von Detroit, sehr bald werden sich diese Zonen ausweiten. In Think Tanks beginnt man über die neuen Spielregeln für den nächsten Kapitalismus nachzudenken. Ökonkeynesianismus, einen „Grünen New Deal“ propagieren die Grünen.

Eine „Groß-Idee“, gar ein alternatives Gesellschaftsmodell wird da noch lange nicht draus. Aber es dämmert sehr vielen, dass es diesmal nicht damit getan sein wird, die Maschine Kapitalismus zum Mechaniker zu bringen mit der üblichen Bitte: „Reparieren“. Mr. Fix-it ist diesmal überfordert. Das ist dem Utopischen zumindest nicht ungünstig. Der Gegner des Utopischen war ohnehin immer kleingeistiger Realismus. Dessen Lebensweisheiten lauteten stets: Veränderung? Geht nicht. Gute Ideen? Werden scheitern, weil das System stabil auf Autopilot fliegt. Reformen? Kosten zu viel, dafür ist kein Geld da.

Für das Geld, das in den letzten Monaten ins Finanzsystem gepumpt wurde, hätte man alle guten Ideen verwirklichen können, die alle Gutmenschen dieser Welt je gefasst hatten. Eine Milliarde – ist ja kein Geld heutzutage. Selbst ein Grundeinkommen hätte man da quasi aus der Portokasse bezahlen können. Und auf Autopilot kann man heutzutage höchstens in den Abgrund fliegen. Solch betulicher „Realismus“, der alles Denken lähmt, ist keine Option mehr.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 18.03.2009 um 02:45
Teil I
Lieber Herr Misik,
hat auch der Kapitalismus ein historisches Verfallsdatum wie andere Projekte, Völkerwanderungen, Gottesstaaten, Pharaonen- Pyramiden Sonnen- Priester- Staats- Gewese, Unternehmungen aller Arten und Unarten in der Vergangenheit, mit und ohne „Fahrschein“, ebenso?

Ist der Kapitaismus altersschwach sterbenskrank, dämmert er sehnsüchtig seinem Tod entgegen, auf unser aller aufmerksame Sterbehilfe angewiesen, in der flimmernd flackenden Herz zu Herz Kammerton Hoffnung, dass wir Verantwortung übernehmend, Lehren aus seinen Irrtümern, Hochs & Tiefs, ziehen?
Lockt der Kapitalismus mit seinen Krisen ohne Regel, um uns regelhaft in gesellschaftliche wie persönlich Krisen, karthasisch mitagierend, lockend
zu verführen?
Gott ist abwesend für Gläubige wie Ungläubige, wie der Sozioalismus. Sollten sich Gläubige wie Ungläubige nicht gleichermaßen für die Abwesenheit Gottes, wie des Sozialismus verantwortlich stellen, ohne Gott noch Sozialismus im Bilde nachzustellen?

Was war und ist denn der Kapitalismus bisher anderes als der Verkehr in den Wassern der Meere, dem Mehrwert der Völker, Staaten, Währungszonen ohne globale & lokale, Pflicht zum Nachweis der Fahrerlaubnis, ohne Bussgeldkatalog, noch Gefahr des Eintrags bei Verkehrsvergehen „PunktumPunkt“ in das Flensburger Verkehrs- Sündenregister?
Warum eigentlich?
Teil II folgt
Joachim Petrick schrieb am 18.03.2009 um 02:46
Teil II folgt

Teil II
Achtzigjährigen Autofahrern/innen droht schon Morgen die jährliche Fahrtauglichkeitsüberprüfung, warum nicht allen einwandigen Verkehrsteilnehmern/innen auf hoher „See- Fahrt“ in den Mehrwert- Wassern des Kapitalismus?
Hat doch der Staatskapitalismus des real- existierenden Sozialismus 1989- 91 sich gerontologisch älter angefühlt als er womöglich war und sich einer Fahrtauglichkeitsüberprüfung in den Mehrwert- Wassern des gewöhnlichenKapitalismus unterzogen?
Das Ergebnis ist bekannt.
Der real- existierenden Sozialismus hat freiwillig wie halbwegs vorbildlich seine Fahrerlaubnis zurückgegeben.
Sollte das dem allgemein vegetierenden Kapitalismus nicht auch heute Anstoß zum Denken & Handeln geben?
Ist der gewöhnliche Kapitalismus ohne Fahrprüfung doch nichts anderes als eine Kopfgeburt morbider Gottesstaaten des ausgehenden Mittelalters in Europa via Entdeckungsfahrten, Eroberungsorgien Amerikas auf der Suche eines direkten Wegs nach Indien? Den wir ja heute haben!

Vielleicht sehnt sich der alterschwache Kapitalismus heute, wie nie zuvor, nach der Befreiung der Welt vom Geld?, um heim zu den Gottesstaaten zu gehen, die ihn einst, vaterlos, mutterlos in alle Welt gehetzt, ausgesetzt?

Gründet deshalb der mit dem Tode ringende Kapitalismus gegenwärtig Bad- Churches, Bad- Banks, Bad- Lands, den Good- Churches, Good- Banks. Good- Lands als umleitend livehaft ansteckendes Beispiel “Learning by doing!?“
Totgeweihte, wie den gewöhnlichen Kapitalismus ohne Fahrschein noch Fahrerlaubnis, sollte den Rest der Welt nicht ungerührt lassen!, oder?
Heißt es nun nachdenklich wie einfühlend feierlich Abschied vom totgeweihten Kapitalismus ohne Fahrerlaubnis nehmen?
Heißt es nun dem verstorbenen Kapitalismus in Berlin auf der Heer- Straße, Straße des 17. Juni 1953 einen anonymen Gedenkwald pflanzen?
Jetzt sind Ideen- Wettbewerbe der ganz anderen Art gefragt!, oder?
tschüs
JP
Deaktivierter Nutzer schrieb am 18.03.2009 um 16:30
Sehr geehrter Herr Misik,

zurecht beklagen sie einen Mangel an Utopie und plädieren für deren Renaissance. Dass auch in der Linken selbst Handlungsbedarf besteht sieht man ja am unsäglichen Einstellen von "Utopie kreativ" seitens der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Aber Worauf wollen sie genau hinaus? Sie verwenden einen, in seiner Weitgefasstheit an Bloch erinnernten, Utopiebegriff, mit dem selbst der Neoliberalismus zur Utopie erklärt wird. Aber eben genau dies war er nie und wird er auch niemals sein, denn erstens hört eine Utopie auf, Utopie zu sein, wenn sie real wird, und an dieser Stelle setzen dann wieder neue Utopien an, die kritische Gegenentwürfe zur nunmehr realen Utopie entwerfen, und zweitens liegt einer Utopie immer ein Gemeinwohlideal zu Grunde, an dem es dem asozialen Neoliberalismus völlig mangelt.
Das Ende des Kapitalismus ist einer der Hauptbezugspunkte der Utopien seit Morus. Je nach Epoche fielen die utopischen Konstrukte und die manchmal mitgedachten Realisierungsstrategien unterschiedlich aus, sie wurden vom Zeitgeist und den diesem zu Grunde liegenden sozioökonomischen Verhältnissen geprägt.
Im 20. Jahrhundert wurde die Utopie schwer gebeutelt (Verwiesen sei hier auf den vierten Band von Richard Saages "Utopischen Profilen") und gegen Ende des Jahrhundert, nach dem Kollaps des real existierenden Sozialismus, wurde sie von Joachim Fest und seinen konservativen Konsorten für tot erklärt.
Das war natürlich Humbug, weil – wie Sie zurecht schreiben – das Heile-Welt-Eiapopeia des Kapitalismus aufgrund dessen zyklischer Krisen nicht von Dauer sein konnte.
Jetzt haben wir wieder eine Krise, jetzt ist Zeit für die Utopie. Sie muss aber nicht neu erfunden werden, da man auf die postmateriellen Utopien der siebziger Jahre zurückgreifen kann. Hier sei nur Robert Havemanns Utopie "Morgen" erwähnt, die sich ausführlich mit dem Ende des industriellen Zeitalters befasste.
Auch kommt man heutzutage beim Entwerfen postkapitalistischer Modelle nicht mehr am Thema Ökologie vorbei. Es müssen auch schleunigst Konzepte vorgelegt werden, die über die drei im "Freitag" abgedruckten Partikularspinnereien weit hinausreichen, von wem auch immer. Denn ansonsten besteht weiterhin die Gefahr, dass sich das in die Ecke gedrängte Kapital eigene "Utopien" zunutze macht, wie Anfang der 1930er Jahre schon einmal geschehen, als man mit den "völkischen" Gesellschaftsentwürfen der Nazis die Ängste der Menschen bediente, ihnen eine rückwärtsgewandte und mythologisch gespickte Pseudo-Utopie vorsetzte, die ebenso wenig wie der Neoliberalismus unter den Begriff "Utopie" gesetzt werden konnte, da es ihr an einem Gemeinwohlideal mangelte.
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