Im Großraumbüro der Nordkurve ist es stets kälter oder wärmer als draußen, die Klimaanlage und die getönten Scheiben halten die Wirklichkeit fern. Trotz der Riesenfenster braucht der Raum zu jeder Tageszeit künstliches Licht. Man soll die Fenster geschlossen halten, aber ich friere davon, der Geist wird müde. Neben mir sitzt ein junger und sympathischer Kollege, der Klimaanlagen liebt und es hasst zu schwitzen. Was das betrifft, ist die Wahlkampfzentrale der SPD ideal für ihn. Ich mag ihn. Er bringt mir Kaffee mit, ist nicht so kleinlich, hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen, und ich habe ihn noch nicht schlecht gelaunt erlebt. Ich frage ihn über seine „Generation“ aus, und er antwortet offen. Politisch steht er ziemlich weit rechts in der SPD. Die Klimaanalage verhindert das Schwitzen übrigens nicht wirklich, sondern vereint das individuelle Schwitzen zu einem Kollektiv: viele Körper, viele Raucher, viele Fastfood-Esser, viele Bäuche, viele Gehemmte, die einem kaum in die Augen schauen können, wenn man ihnen „Guten Morgen“ sagt, zu viele Menschen auf einem Haufen, zu schwere Jacketts, zu enge Jeans, manch ungewaschener Fuß, manch ein Deostift vom Discounter: All dieses Leben treibt die Klimaanlage nicht aus den Körpern raus, sondern wirbelt es sozial und demokratisch im Raum herum, und das riecht und drückt und macht die rotfleckigen Gesichter grau oder gelb. Überhaupt: das Licht! Man sieht aus, als habe man die Nacht durchgemacht in diesem Licht.
Es ist Juni, der Montag nach der Europwahl.Wir haben verloren. Unser Chef Kajo Wasserhövel sieht heute nicht nur wie sonst überarbeitet, sondern richtig fertig aus. Ein „Deutschlandfunk“-Beitrag bezeichnet ihn wieder mal als „Harry Potter des Wahlkampfs“, sinnfällig umdudelt von Musikschnipseln wie „Vorwärts und nicht vergessen“ und „Going down, down, down, down…“ Kajo hat sicherlich seine Schwächen, aber zwei Sachen sind für Freund und Feind unübersehbar: Er ist hoch belastbar, ackert wie ein Tier. Und seine Eitelkeit hält sich wohltuend in Grenzen. Seine Stimme dringt auch heute, obwohl wenig voluminös, in jede Ecke des Großraumbüros, auch wenn er nur telefoniert: ein leicht gequetschtes, charakteristisches Näseln.
Diffuses Misstrauen in der Parteizentrale
Und doch sorgt Kajo, als der Kopf des Ganzen, als erster Wahlkämpfer der SPD, für eine wenig konstruktive Stimmung, ein diffuses Misstrauen in der Berliner Parteizentrale, die schon viele Chefs hat kommen und gehen sehen, denn jeder Parteichef bringt seinen eigenen Generalsekretär, seinen eigenen Bundesgeschäftsführer mit. Und der sortiert dann das gesamte Organigramm neu: Abteilungen, Räume, Telefonnummern. Die Angestellten – die „Hauptamtlichen“ – müssen sozusagen flexibel bleiben in ihrem Beharrungsvermögen. Es gibt gleitende Arbeitszeit im Willy-Brandt-Haus, die beim Rein- und Rausgehen elektronisch erfasst wird, aber es gibt keine Möglichkeit, die unsichtbaren Türen zu öffnen, die überall den Weg versperren, man stößt sich daran, läuft mit Beulen im Kopf herum, die keiner sieht.
Ich habe vor ein paar Monaten hier angeheuert. Weil ich Obamas Auftritt an der Siegessäule gesehen habe. Das war der Grund. Diese Fähigkeit zur Emotionalisierung. Das hat mich mitgerissen. Ich komme aus der PR. Am liebsten würde ich in Deutschland Ähnliches erleben, eine Aufbruchstimmung, allgemeine Begeisterung, Re-Politisierung, in unserem grauen, öden Merkel-Land. Aber das Jahr 2009 ist uns ja als ein „Superwahljahr“ angekündigt worden. Und ich bin unbedingt dafür, dass die Kanzlerin Bräsig abgelöst wird. Was kann ich dazu beitragen? Am liebsten würde ich laut rufen: „Hallo! Ich bin da! Ich bin bereit! Ich will auch mitmachen!“ Und jetzt mache ich mit. Spezialgebiet Onlinewahlkampf.
Wer "Obama" sagt, muss 5 Euro zahlen
Barack Obama hatte auf allen Kanälen kommuniziert. Der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten war ein einziger Dialog, eine Gemeinschaftsherstellungsmaschine. Die Technik war auch vorher schon vorhanden, aber Obama hat sie emotional aufgeladen und mit der Welt außerhalb des Netzes verknüpft. Die dadurch ins Kraut schießende, grandiose Basisbewegung mit ihrer zuvor unmöglich scheinenden politischen Fruchtbarkeit trieb nicht nur den deutschen Beobachtern Tränen der Rührung (und des Neides) in die Augen. Darüber ist viel geredet und geschrieben worden. Obamas Erfolg 2008 hatte die Erwartungen in Deutschland 2009 enorm geschürt: Die Wahlkampfplaner wirkten euphorisiert. Die Agenturen taumelten in einer Obamania, würden am liebsten alles genauso machen wie der große Polit-Star. In jeder Besprechung fällt gefühlte 100-mal der Name des amerikanischen Zauberers, gibt es zig Anspielungen auf seine innovativen Verfahren. Bald werden Strafgebühren angesetzt: Wer „Obama“ sagt, muss fünf Euro zahlen.
Wahlkampf im Netz, über das Netz, mit dem Netz. Pläne werden geschmiedet, Ideen geboren, Konzepte entworfen. Die Hoffnung keimt, dass der Zauber auch nach Deutschland überspringen möge, dass auch hier die Politikverdrossenheit der Begeisterung weicht, hier die Bürger für Politik interessiert und mobilisiert werden können. Vor allem die SPD, die sich gerne als modern und internetaffin präsentiert, äußert sich begeistert. Kajo Wasserhövel schreibt am 5. März um 14:53 Uhr auf wahlkampf09.de, dem gerade neu gestarteten Kampagnenportal: „Der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten hat allen politisch Interessierten klar gezeigt, welche Power für eine lebendige Demokratie durch das Netz geöffnet wird. Aus meiner Sicht ist das eine Riesenchance für das Land, für die Parteien, für die Demokratie. Das Internet ist keine Einbahnstraße, sondern ein vielfältiges und dynamisches Dialogmedium – und das wollen wir nutzen. … Wir sind als Parteien auch Lernende im Netz. … Ich freue mich auf viel Engagement, Kreativität und auch auf die kritischen ‚Schubser‘, die uns weiterbringen.“ Kajo beantwortet von den 31 Kommentaren auf diesen Beitrag keinen einzigen. Kommt sicher noch, denke ich mir.
Ein bisschen Web 2.0 gibt es nicht
Barack Obama hatte schon 2007 in seine Netzarbeit investiert und am Ende im großen sozialen Netzwerk Facebook über drei Millionen „Freunde“. Beim Microblogging-Dienst Twitter bekannten sich 100.000 „Follower“ zu ihm. Das Team Obama hat von insgesamt über 3,7 Millionen Einzelpersonen Spenden einwerben können, die insgesamt rund 750 Millionen US-Dollar zusammenbrachten, davon stammte ein Viertel aus Klein- und Kleinstspenden. Zwei Drittel davon wurden online überwiesen. Jeder kleine Cent hatte große Bedeutung, war gewissermaßen gleich viel wert. Jeder Bürger war aufgerufen mitzumachen, wurde direkt angesprochen. Am Ende erhielten rund 13 Millionen Unterstützer differenzierte Mails: Die Datenbank unterschied nicht nur nach Wohnorten, sondern auch nach Engagement-Bereitschaft und Typen. Auf der Organisationsplattform my.barackobama.com („myBo“) zur Vernetzung, Spendenwerbung und Mobilisierung von Offline-Aktionen registrierten sich rund zwei Millionen Wähler, die ihre persönlichen Spendenaktionsziele im eigenen Freundes- und Verwandtenkreis definieren und Erfolge veröffentlichen konnten. So entstand eine gewaltige Bürgerbewegung. Und jede kleine Gruppe wurde mit ihren spezifischen Bedürfnissen angesprochen. Narrowcasting statt Broadcasting – auf 57 Myspace-Seiten, in Facebook, Flickr, Digg, Twitter, Eventful etc., mit über 100 verschiedene Kampagnenseiten, rund 20 Blog-Einträgen pro Tag und fast 2.000 Youtube-Videos, die insgesamt 14,6 Millionen Stunden geschaut wurden.
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