Wochenthema

Wie die SPD den Wahlkampf im Netz verspielte – ein Insider berichtet

SPD-Online | 23.09.2009 00:00 | Anonymus

No we can’t

Wie die SPD im Netz Wähler gewinnen wollte und kläglich scheiterte. Ein anonymer Insider berichtet aus der Mitte der sozialdemokratischen Wahlkampfmaschine

Im Großraumbüro der Nordkurve ist es stets kälter oder wärmer als draußen, die Klimaanlage und die getönten Scheiben halten die Wirklichkeit fern. Trotz der Riesenfenster braucht der Raum zu jeder Tageszeit künstliches Licht. Man soll die Fenster geschlossen halten, aber ich friere davon, der Geist wird müde. Neben mir sitzt ein junger und sympathischer Kollege, der Klimaanlagen liebt und es hasst zu schwitzen. Was das betrifft, ist die Wahlkampfzentrale der SPD ideal für ihn. Ich mag ihn. Er bringt mir Kaffee mit, ist nicht so kleinlich, hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen, und ich habe ihn noch nicht schlecht gelaunt erlebt. Ich frage ihn über seine „Generation“ aus, und er antwortet offen. Politisch steht er ziemlich weit rechts in der SPD. Die Klimaanalage verhindert das Schwitzen übrigens nicht wirklich, sondern vereint das individuelle Schwitzen zu einem Kollektiv: viele Körper, viele Raucher, viele Fastfood-Esser, viele Bäuche, viele Gehemmte, die einem kaum in die Augen schauen können, wenn man ihnen „Guten Morgen“ sagt, zu viele Menschen auf einem Haufen, zu schwere Jacketts, zu enge Jeans, manch ungewaschener Fuß, manch ein Deostift vom Discounter: All dieses Leben treibt die Klimaanlage nicht aus den Körpern raus, sondern wirbelt es sozial und demokratisch im Raum herum, und das riecht und drückt und macht die rotfleckigen Gesichter grau oder gelb. Überhaupt: das Licht! Man sieht aus, als habe man die Nacht durchgemacht in diesem Licht.

Es ist Juni, der Montag nach der Europwahl.Wir haben verloren. Unser Chef Kajo Wasserhövel sieht heute nicht nur wie sonst überarbeitet, sondern richtig fertig aus. Ein „Deutschlandfunk“-Beitrag bezeichnet ihn wieder mal als „Harry Potter des Wahlkampfs“, sinnfällig umdudelt von Musikschnipseln wie „Vorwärts und nicht vergessen“ und „Going down, down, down, down…“ Kajo hat sicherlich seine Schwächen, aber zwei Sachen sind für Freund und Feind unübersehbar: Er ist hoch belastbar, ackert wie ein Tier. Und seine Eitelkeit hält sich wohltuend in Grenzen. Seine Stimme dringt auch heute, obwohl wenig voluminös, in jede Ecke des Großraumbüros, auch wenn er nur telefoniert: ein leicht gequetschtes, charakteristisches Näseln.

Diffuses Misstrauen in der Parteizentrale

Und doch sorgt Kajo, als der Kopf des Ganzen, als erster Wahlkämpfer der SPD, für eine wenig konstruktive Stimmung, ein diffuses Misstrauen in der Berliner Parteizentrale, die schon viele Chefs hat kommen und gehen sehen, denn jeder Parteichef bringt seinen eigenen Generalsekretär, seinen eigenen Bundesgeschäftsführer mit. Und der sortiert dann das gesamte Organigramm neu: Abteilungen, Räume, Telefonnummern. Die Angestellten – die „Hauptamtlichen“ – müssen sozusagen flexibel bleiben in ihrem Beharrungsvermögen. Es gibt gleitende Arbeitszeit im Willy-Brandt-Haus, die beim Rein- und Rausgehen elektronisch erfasst wird, aber es gibt keine Möglichkeit, die unsichtbaren Türen zu öffnen, die überall den Weg versperren, man stößt sich daran, läuft mit Beulen im Kopf herum, die keiner sieht.

Ich habe vor ein paar Monaten hier angeheuert. Weil ich Obamas Auftritt an der Siegessäule gesehen habe. Das war der Grund. Diese Fähigkeit zur Emotionalisierung. Das hat mich mitgerissen. Ich komme aus der PR. Am liebsten würde ich in Deutschland Ähnliches erleben, eine Aufbruchstimmung, allgemeine Begeisterung, Re-Politisierung, in unserem grauen, öden Merkel-Land. Aber das Jahr 2009 ist uns ja als ein „Superwahljahr“ angekündigt worden. Und ich bin unbedingt dafür, dass die Kanzlerin Bräsig abgelöst wird. Was kann ich dazu beitragen? Am liebsten würde ich laut rufen: „Hallo! Ich bin da! Ich bin bereit! Ich will auch mitmachen!“ Und jetzt mache ich mit. Spezialgebiet Onlinewahlkampf.

Wer "Obama" sagt, muss 5 Euro zahlen

Barack Obama hatte auf allen Kanälen kommuniziert. Der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten war ein einziger Dialog, eine Gemeinschaftsherstellungsmaschine. Die Technik war auch vorher schon vorhanden, aber Obama hat sie emotional aufgeladen und mit der Welt außerhalb des Netzes verknüpft. Die dadurch ins Kraut schießende, grandiose Basisbewegung mit ihrer zuvor unmöglich scheinenden politischen Fruchtbarkeit trieb nicht nur den deutschen Beobachtern Tränen der Rührung (und des Neides) in die Augen. Darüber ist viel geredet und geschrieben worden. Obamas Erfolg 2008 hatte die Erwartungen in Deutschland 2009 enorm geschürt: Die Wahlkampfplaner wirkten euphorisiert. Die Agenturen taumelten in einer Obamania, würden am liebsten alles genauso machen wie der große Polit-Star. In jeder Besprechung fällt gefühlte 100-mal der Name des amerikanischen Zauberers, gibt es zig Anspielungen auf seine innovativen Verfahren. Bald werden Strafgebühren angesetzt: Wer „Obama“ sagt, muss fünf Euro zahlen.

Wahlkampf im Netz, über das Netz, mit dem Netz. Pläne werden geschmiedet, Ideen geboren, Konzepte entworfen. Die Hoffnung keimt, dass der Zauber auch nach Deutschland überspringen möge, dass auch hier die Politikverdrossenheit der Begeisterung weicht, hier die Bürger für Politik interessiert und mobilisiert werden können. Vor allem die SPD, die sich gerne als modern und internetaffin präsentiert, äußert sich begeistert. Kajo Wasserhövel schreibt am 5. März um 14:53 Uhr auf wahlkampf09.de, dem gerade neu gestarteten Kampagnenportal: „Der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten hat allen politisch Interessierten klar gezeigt, welche Power für eine lebendige Demokratie durch das Netz geöffnet wird. Aus meiner Sicht ist das eine Riesenchance für das Land, für die Parteien, für die Demokratie. Das Internet ist keine Einbahnstraße, sondern ein vielfältiges und dynamisches Dialogmedium – und das wollen wir nutzen. … Wir sind als Parteien auch Lernende im Netz. … Ich freue mich auf viel Engagement, Kreativität und auch auf die kritischen ‚Schubser‘, die uns weiterbringen.“ Kajo beantwortet von den 31 Kommentaren auf diesen Beitrag keinen einzigen. Kommt sicher noch, denke ich mir.

Ein bisschen Web 2.0 gibt es nicht

Barack Obama hatte schon 2007 in seine Netzarbeit investiert und am Ende im großen sozialen Netzwerk Facebook über drei Millionen „Freunde“. Beim Microblogging-Dienst Twitter bekannten sich 100.000 „Follower“ zu ihm. Das Team Obama hat von insgesamt über 3,7 Millionen Einzelpersonen Spenden einwerben können, die insgesamt rund 750 Millionen US-Dollar zusammenbrachten, davon stammte ein Viertel aus Klein- und Kleinstspenden. Zwei Drittel davon wurden online überwiesen. Jeder kleine Cent hatte große Bedeutung, war gewissermaßen gleich viel wert. Jeder Bürger war aufgerufen mitzumachen, wurde direkt angesprochen. Am Ende erhielten rund 13 Millionen Unterstützer differenzierte Mails: Die Datenbank unterschied nicht nur nach Wohnorten, sondern auch nach Engagement-Bereitschaft und Typen. Auf der Organisationsplattform my.barackobama.com („myBo“) zur Vernetzung, Spendenwerbung und Mobilisierung von Offline-Aktionen registrierten sich rund zwei Millionen Wähler, die ihre persönlichen Spendenaktionsziele im eigenen Freundes- und Verwandtenkreis definieren und Erfolge veröffentlichen konnten. So entstand eine gewaltige Bürgerbewegung. Und jede kleine Gruppe wurde mit ihren spezifischen Bedürfnissen angesprochen. Narrowcasting statt Broadcasting – auf 57 Myspace-Seiten, in Facebook, Flickr, Digg, Twitter, Eventful etc., mit über 100 verschiedene Kampagnenseiten, rund 20 Blog-Einträgen pro Tag und fast 2.000 Youtube-Videos, die insgesamt 14,6 Millionen Stunden geschaut wurden.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Scheringer schrieb am 23.09.2009 um 22:15
Erstklassige Analyse. Super! Es wird spannend am SOnntag!
Petra Pau schrieb am 24.09.2009 um 11:27
Finde ich garnicht erstklassig. Der Text ist unfaßbar schlecht geschrieben! Eine einzige Abarbeitung persönlicher Kränkung. Wer liest denn das überhaupt bis zum Ende?
RaiMan schrieb am 24.09.2009 um 13:22
@Petra Pau: ich habe den Artikel zu Ende gelesen. Natürlich kann man das rauslesen. Aber man kann auch mitbekommen, dass hier offensichtlich ein kopflastige und bürokratische Struktur nicht in die Gänge kommt.
Lago schrieb am 24.09.2009 um 14:21
Hab ihn auch komplett gelesen. Ich finde ihn im Gegenteil wunderbar eindrücklich geschrieben, das präziseste und gehaltvollste, was ich im Bezug auf das Problem der PR-Demokratie bisher gelesen habe - auch und gerade weil er aus der Position des Versagens und der Kränkung heraus entstanden ist.
Cassandra schrieb am 24.09.2009 um 19:29
Wo sind Petra Paus Kommentare und Magdas, Tessas und JAs Unterkommentare dazu denn hin verschwunden?
jfenn schrieb am 24.09.2009 um 19:42
Gute Frage, Cassandra. Mein Kommenar von gestern abend ist auch verschwunden ... Zensiert, gelöscht oder schlicht miese Technik?
Scheringer schrieb am 24.09.2009 um 22:11
Warum wird dieser brisante Artikel nicht mehr auf der Startseite angezeigt? Anruf aus der Baracke?
Jakob Augstein schrieb am 24.09.2009 um 23:46
@cassandra
Der Kommentar von "Petra Pau" und meine Erwiderung sind verschwunden, weil "Petra Pau" gar nicht Petra Pau ist. Wir haben ja gar nichts gegen Anonymität und Nicknames. Alles OK. Aber bitte nicht hinter echten, lebenden Personen verstecken. Das ist - fies. Und das löschen wir dann auch.
JA
Tessa schrieb am 25.09.2009 um 09:15
Lieber Herr Fenn,

da Ihr Kommentar als Unterkommentar von "Petra Pau" gespeichert war, ist er im Zuge der Löschung des Kommentars mit verschwunden.

Viele Grüße
Tessa
Deaktivierter Nutzer schrieb am 25.09.2009 um 09:21
@JA & Tessa
Richtig so!
jfenn schrieb am 25.09.2009 um 11:32
Vielen Dank für die Nachricht, JA und Tessa. Sehr gut, daß Sie solchen Fakes hinterherrecherchieren, was ja auch sehr aufwendig ist.
jfenn schrieb am 25.09.2009 um 11:34
Vielen Dank für die Nachricht, JA und Tessa. Es ist gut, daß Sie solchen Fakes hinterherrecherchieren, was ja auch sehr aufwendig ist.

BTW, das System hat in letzter Zeit Probleme beim Speichern von Kommentaren. Dies ist mein zweiter Versuch …
Cassandra schrieb am 25.09.2009 um 18:50
Vielen Dank für die Information!
rolfmueller schrieb am 24.09.2009 um 01:28
Ein interessanter Insiderbericht. Aber Kajo Wasserhövel hat nicht unrecht, das Internet wird als Ursache für den Misserfolg der SPD überschätzt. Ohne Machtperspektive ist sie einfach uninteressant. Auch ich will keine Partei wählen, die nicht regiert, wenn sie die Mehrheit dazu hat.
Reinard schrieb am 26.09.2009 um 16:56
Das ist aber ein schwacher Trost. Natürlich entscheidet das Internet die Wahl nicht wirklich. Aber der Bericht zeigt eben, dass alles zusammenpasst: Perspektivlosigkeit, Ignoranz, Depressionen, Faulheit - und eben auch Unfähigkeit, ein Medium zu nutzen, dessen Bedeutung sicher eher steigen wird. Und das ein zusätzliche Stütze hätte sein können.

Den letzten Satz hingegen, den unterschreibe ich :-)
jfenn schrieb am 24.09.2009 um 02:45
Ein Text über Apparatschiks, die sich nach oben intrigiert haben und die meinen, unter den Bedingungen des Web 2.0 -- wie gehabt -- die politische Meinungsbildung in ihrem Sinne manipulieren zu können, ohne politische Substanz als Fundament, ohne Rücksichtnahme und Beachtung ihrer „Kunden“, der Wähler. Ohne Verständnis für die neuen Medien und für die Gesetzmäßigkeiten, denen die Meinungsbildung im Netz unterliegt, das wiederum auf die anderen Medien zurückwirkt. In dem sich schon längst eine von den Medienkonzernen nicht mehr beherrschte Gegenöffentlichkeit formiert hat, der man nichts vormachen kann. Mit der man leben muß. Politische PR ist keine Einbahnstraße mehr. Das gilt ja auch nicht nur für die SPD; Merkels Reaktion auf den Yeah-Flashmob ist ja genauso unpassend, auch sie meint, ohne „die jungen Leute“, denen man etwas „ins Internet tun“ werde, auf Dauer regieren zu können. Werch ein Illtum.
zelotti schrieb am 24.09.2009 um 04:11
Ich finde den Online-Wahlkampf der SPD gar nicht schlecht, aber die Sozialdemokratie krankt an etwas anderem. Es ist die Weichspülung in der Programmarbeit. New Labour ist nicht ohne Grund am Ende. Die amerikanische Politik ist hier vielleicht ein schlechtes Vorbild, so wie es Blair für Schröder war. Denn die Amerikaner haben ja gar keine echte Parteiendemokratie. Obamas Stärke war auch die Ruchlosigkeit des McCain Wahlkampfs mit den übelsten Politikberatern Washingtons, der im Netz nicht mehr funktionierte und Menschen emotionalisierte. Was ich insbesondere der SPD vorwerfe, ist keinen kreativen Lösungsprozess für die Bewältigung der Finanzkrise aufgestellt zu haben und keine ordnungspolitsche Wende eingelegt zu haben. So wählt der Deutsche, was er immer wählt in unsicheren Zeiten. Konservativ. Das ist ja die genau die Entspurtmessage von Pofalla, Adenauer 2.0.

Echter Wahlkampf wird über die elektronischen Medien durch die Anhänger getrieben, dezentral. Communities müssen gar nicht "gemanaged" werden. Es reicht eigentlich ihnen die Werkzeuge an die Hand zu geben. Eine funktionsfähige Bewegung macht seine Mitglieder zur Avantgarde des Wahlkampfes. Werbung ist da nur Hilfsstrategie. Es fehlt der Mut zur Skizze, Kante, Pinselstrich.
Petra Pau schrieb am 24.09.2009 um 09:58
Der Artikel ist Shit!
Magda schrieb am 24.09.2009 um 10:11
Schon nach dem ersten Absatz war mir klar, dass da ein Menschenverächter mit dem Hang zu großen Fallhöhen schreibt. Genau, Frau Pau, Shit.
Gruß
Magda(nicht SPD-nah)
jfenn schrieb am 24.09.2009 um 11:44
Etwas ausführlicher, bitte?
RaiMan schrieb am 24.09.2009 um 13:27
Etwas qualifizierter könnte die Kritik schon sein. Und der Begriff Shit ist ja durchaus auch mehrdeutig ;-)
@Magda: Menschenverächter? Würde mich schon interessieren, woran man das im ersten Absatz festmachen kann.
Reaktionen dieser Art (knapp, vernichtend, inhaltslos) rufen jedenfalls bei mir eher ein solches Gefühl hervor.
Jakob Augstein schrieb am 24.09.2009 um 15:26
Liebe Petra Pau,
die Freitag-Community unterscheidet sich bisher - wie ich finde sehr wohltuend - von den Kommentarforen der anderen Medien dadurch, dass die Leser sich ernsthaft Mühe geben, ihre Standpunkte zu begründen, zu prüfen, sich der Kritik zu stellen, zu streiten. Wir haben in den vergangenen Monaten hier eine sehr respektvolle Atmosphäre geschaffen, ohne es an Schneid fehlen zu lassen.

Ein Satz wie "Der Artikel ist Shit!" kann am Ende einer längeren Ausführung stehen, die eine solche Fundamentalkritik begründet und dann sozusagen in einem Ausruf gipfelt! Das fände ich vollkommen in Ordnung.

In der von Ihnen gewählten Kürze, als reine Invektive, geht es nicht.

JA
bby schrieb am 24.09.2009 um 10:56
Bezeichnend für den Umgang mit Kritik finde ich den Nachsatz: "Um Nachteile für ihn zu vermeiden, muss er anonym bleiben." Schlimm!
mh schrieb am 24.09.2009 um 11:33
der anonymus macht artikel doch erst interessant. geheime quellen, ungenannte nahestehende personen, anonym um nicht niedergemacht zu werden.

da wird der artikel doch gleich doppelt so spannend, als wenn da einfach "kajo wars" steht und wir eh nur darüber rumnölen, dass er nur rumnölt, weil er den posten nicht bekommt den er gerne hätte.

wenn wir über aber gescheiterten internetwahlkampf reden, dann reden wir immer nur über stimmen die man nicht gewinnen konnte. stimmen die dadurch verloren gehen, weil sie von den piraten im internet abgegriffen wurden, wäre da doch mal die wesentlich interessantere variante.

mfg
mh
RaiMan schrieb am 24.09.2009 um 13:32
Der Mensch, der das geschrieben hat, wird schon wissen warum. Vielleicht will er ja noch mal irgendwo anders was werden. Wir schreiben hier ja auch alle "anonym". Also schlimm finde ich das in diesem Falle (Insiderbericht) eigentlich nicht. Unqualifizierte Angriffe oder sonstiger Wahnsinn halten sich ja in Grenzen.
cortolu schrieb am 24.09.2009 um 12:39
finde den artikel super
ulrichvoss schrieb am 24.09.2009 um 12:45
Jaja, die berühmte Wasserglocke. Nichts mehr mitbekommen von der realen Welt. Von der Stimmung "draussen". Das fängt schon sehr sehr früh in Parteikarrieren an. Fällt mir immer wieder auf, wenn ich mich mit Parteimitgliedern unterhalte. Ein gerüttelt Maß an Realitätsverzerrung scheint da Berufsvoraussetzung zu sein. Dass sich das in der Zentrale zu totaler Isolation verdichtet ist irgendwo logisch.

Gibt's dafür ne Lösung? Nee, wird das Konstrukt Partei irgendwan zu groß und kommt zu viel Macht dazu, endet es so. Anders ist nur eine neue Organisation wie die Grünen vor 20 Jahren oder die Piraten heute. Sollten die Piraten in 20 Jahren eine Relevanz haben, werden die wahrscheinlich genauso enden wie die Grünen ...
RaiMan schrieb am 24.09.2009 um 14:01
Ich glaube nicht, dass der Zusammenhang "Wasserglocke" und "Konstrukt Partei irgendwann zu groß" zwingend ist. M.E. hat sich das eher so eingespielt in dem Spannungsfeld Macht und Bemächtigte (mangelndes Interesse, Einmischen sehr aufwändig, Instrumente fehlen, bei uns ist ständig Wahlkampf (mein Lieblingsthema) ...). Eine Organisation muss für ihren eigentlichen Zweck optimiert sein und funktionieren, eine Partei aber und gerade heute und in Zukunft muss einfach mehr tun um die Menschen anzusprechen. Möglichkeiten und Bispiele gibts hierfür genug. Man muss sie eben nur wollen. In dem Sinne wünsche ich den Piraten auf der eine Seite eine Entwicklung wie den Grünen in der Hoffnung, dass sie zumindest in diesem Punkt (Kommunikation mit der Basis und den Menschen) dran bleiben und neue Wege finden und gehen.
RaiMan schrieb am 24.09.2009 um 13:47
Mir gefällt der Artikel sehr gut. Habe ihn gerne gelesen. Häufige Erfahrung: hehre Ziele und eine kopflastige, bürokratische Organisation passen schlecht zusammen. Wo Angst vor Fehlern und ungeplanten Ereignissen vorherrschen, ist es sehr aufreibend Verantwortung zu tragen und Risiken einzugehen. Was hat der FauxPas der Piratenpartei mit der Jungen Freiheit für Wellen geschlagen, aber so gehts halt, wenn man einen solchen Apparat nicht hat und jede Gelegenheit ausnutzen möchte um nachrichtenmäßig vorne dran zu sein. Schade, dass die SPD bei der ursprünglichen Ansage und dem Fiasko bei der EU-Wahl nicht wirklich in die Puschen gekommen ist.
cosmo05 schrieb am 24.09.2009 um 14:01
Finde den Artikel auch interessant, weil er Einblicke gewährt, die man sonst so nicht bekommt. Frust des Autors hin oder her.

Obama hatte ja nicht wegen des Internetwahlkampfs Erfolg, sondern weil er "Change" wollte. Das Internet war ein Vehikel diesen zu erwirken. In den USA sind aber auch Tausende von Freiwilligen in der Nachbarschaft umhergegangen und haben geworben, habe Obama-Parties gefeiert (angelehnt an das Tupper-Prinzip) und haben Leute angerufen etc. Obama hat mobilisiert. Das hat die SPD nicht geschafft. Der Grund dafür ist vermutlich ihre Profillosigkeit. Wie soll man auch für eine Partei werben, die für nichts steht? Dennoch toitoitoi am Sonntag!
RaiMan schrieb am 24.09.2009 um 14:03
wollte grade zuklappen, aber das Statement spricht mir aus dem herzen.
RaiMan schrieb am 24.09.2009 um 16:34
das Ganze hat mir doch keine Ruhe gelassen. Ich habe noch ein bisschen bei Frank Walter und der SPD rumgeklickt und war eigentlich ganz zufrieden. Hierzu passt sehr gut die Videoreihe aus dem Leben der Nordkurve (5 Spots) auf YouTube (Suchen mit "Nordkurve, Folge").
Link von Folge 1: www.youtube.com/watch?v=ahaWNU9EqOQ. Die sind dann wohl auch neueren Datums. Interessant auch die Statements von Wasserhövel in der Folge 5 im Vergleich mit den anonymen Erfahrungen hier.
RaiMan schrieb am 24.09.2009 um 16:43
Sorry, für den Satzpunkt hinter dem Link, korrekt:
www.youtube.com/watch?v=ahaWNU9EqOQ
MaWo schrieb am 24.09.2009 um 22:00
Auch Parteien müssen lernen. Auch die SPD. Da ist Häme nicht gefragt.
Vielleicht war der Mann eine Fehlbesetzung (?)
Es handelt sich um den Einstieg der SPD in den Internetwahlkampf. Beim nächsten Mal wird es noch besser.
Spiegelfechter schrieb am 25.09.2009 um 09:55
Netter Artikel - da ist wohl ein naiver Idealist in der Realität angekommen.

Wann ist denn der gute Anonymus im Zentrum der SPD angekommen? Glaubte er ernsthaft, dass man mit Idealismus ein zynisches Produkt verkaufen könnte? Fast klingt es so, als glaubte der Herr Werber bis vor kurzem wirklich, dass der Käse, für den er die Konsumenten begeistern soll, von glücklichen Kühen kommt und von einem nettn älteren Herrn in einem pitoreseken Holzkübel angerührt wird. Dann wurde der Herr Werber in die Käsefabrik geführt und viel aus allen Wolken - nein, das kann ja nicht sein, dieser Käse ist ein Industrieprodukt, das von Lebensmittelchemikern designt wurde! Ei der Dauz! Welch Überraschung!

Dieses ganze Online-Marketing-Geschwurbel ist doch substanzlos. Nur wenn die Inhalte stimmen, kann man Politik online vermitteln ... nicht verkaufen. Und das die Inhalte bei der SPD hinten und vorne nicht stimmen, hätte den Herrn Werber bereits lange vor der Europawahl klar sein müssen. Vielleicht sollte er doch besser online Käse vermarkten - ach nein, das macht er ja schon.
spreewald schrieb am 25.09.2009 um 11:29
Ja, dies hört sich nach Werber- und Agenturalltag an. Nichts Überraschendes. Wenn man aus Antrieb etwas zu bewegen in den professionellen Wahlkampf wechselt, scheint diese Art von Enttäuschung vorprogrammiert.
Die Kommunikationsforscher, die vor einigen Jahren gesagt haben, Parteienwerbung müsse sich der Produktwerbung annähern, wären heute wahrscheinlich anderer Meinung. Und auch wenn wir schon in Zeiten von Social Media leben, ein Produkt wird auch durch soziale Medien nicht zum Leben erweckt. Die Einbettung in ein Lebensgefühl muss gelingen, und dazu gehört bei einer Partei, dass gelingen muss zu transportieren, was die Partei mit dem Leben der Menschen zu tun hat. Je weiter der deutsche Wahlkampf amerikanisiert wird, je mehr Kandidaten zur Marke und nicht zum Mensch werden sollen, desto weniger wird das gelingen.
Reinard schrieb am 26.09.2009 um 17:03
Aber hinreichend authentisch schildert er uns schon, was »da oben« geplant und was »da unten« daraus wird. Auch wenn wir's schon immer gewusst haben...
SteinMain schrieb am 27.09.2009 um 12:00
In der Kürze liegt die Würze. Yes.
UschenBerlin schrieb am 25.09.2009 um 16:57
Wirklich gut geschrieben. Allerdings kann sich eventuell (das geht aus dem Text nicht hervor) der Verfasser selber in die Reihen der passiven Freizeitnörgler einreihen... Aber gut, es gibt halt die Analytiker und dann die Macher, die was mit dem Ergebnis der Analyse machen. Aber scheinbar das "running system of the Nordkurve" nicht gechanged werden mangels "Aktiver". The same old game in good old germany...
mh schrieb am 25.09.2009 um 18:25
alles macht die spd aber auch nicht falsch

SteinMain schrieb am 27.09.2009 um 12:06
Noch mal, wie ? Wir holen die Kanzlerin ab ?

Ok, bei der Gelegenheit, nimmt man ja mal mit.
Tilmann schrieb am 25.09.2009 um 21:17
Kann Deutschland Politik2.0 ? Die, zugegeben, auch irgendwie sympathisch frustrierte Autorin des langen Beitrags (kein Wunder,dass das twittern ihr nicht so liegt) hat schon eine interessante Perspektive.

Und doch geht die Beschreibung komplett an einer Analyse vorbei. Warum schließlich tun sich alle so schwer in den etablierten Organisationen mit der spontanen Web2.0. Weil, ich sage mal wir, weil wir alle so gebannt auf den Fehler starren. Die eigenen und die der anderen. Schließlich kann es sich ja kaum ein Politiker leisten, sich neben die ausgelaschten Laberpfade des Politsprechs zu begeben, und spontan, vielleicht essayistisch eine Formulierung zu versuchen und eine Gedanken zu skizzieren. Da muß immer das druckreife Zitat auf die Federn der Journalisten fallen, dass möglichst unangreifbar ist. Und dann auch nichts sagt.

Was ich am Freitag so mag, dass er sich Autorinnen und Autoren leistet, die so quer gehen und vielleicht auch verquer sehen. Doch etwas mehr professionellen Journalismus rund um solche Text-Blümchen wäre auch nicht schlecht. Denn eine weitere Beurteilung der SPD online Aktivitäten fehlt mir da.

2009 war ja auch erst der Anfang. Vielleicht braucht es noch einige Jahre unter der Merkelschmincke bis Politik im Web2.0 ankommt. Und vielleicht braucht es mehr Mut zu Fehlern. Und dann könnte die Autorin auch unter ihrem Namen schreiben ohne Furcht, dass es ihr das zum Nachteil gereiche.

Politische Kommunikation in Deutschland ist dort, wo Parteien diese führen, noch weit weg von dem was Web2.0 ist. Aber da wächst etwas von den Rändern. Das ist gut.
Ludwig Hasselberg schrieb am 26.09.2009 um 01:45
Ach, Anonymus ist eine Frau? Wissen Sie mehr?
Hans Kelsen schrieb am 28.09.2009 um 23:30
2005 gab's auch schon Internet.
Außerdem ist das ein Insidererlebnisbericht und gottseidank keine dümmliche Analyse ala "Onlinewahlkampf- Obama und SPD im Vergleich"
Leonhardt Wille schrieb am 27.09.2009 um 23:58
Obwohl ich den Artikel etwas spät gelesen habe, bietet er doch eine erstklassige Zusammenfassung der Ereignisse und Zustände, die zum Versagen der SPD im diesjährigen Wahlkampf geführt haben.

Ich habe während der Cebit selbst mit Herrn Wasserhövel ein recht interessantes Gespräch geführt, dessen Inhalte ich jedoch in der Realität (bisher) leider nicht wiederfinden konnte - da ging es neben der Wahlkampfthematik auch um eine Initiative zur Einbindung von Digital Natives in die Politik.

Es scheint wirklich, als habe sich die Wahlkampfleitung am Online-Wahlkampf übernommen, denn effektiv blockieren die veralteten Strukturen und Hierarchien jegliche offene Kommunikation.

Es bedarf hier wohl einer Art (um in der verhassten Managersprache zu bleiben) gezielten Change-Managements, um die SPD in "unsere" Zeit zu führen.
Den Anschluss hat sie meiner Meinung nach lange verpennt und dann verpatzt.

Zu einer offeneren Kommunikation (nicht nur im Netz) sollte auch gehören, nicht nur ständig von "Verantwortung" zu reden, sondern Fehler offen einzugestehen und gegebenenfalls (Steinmeier, Müntefering) zurückzutreten, um besserem "Personal" den Weg nicht zu verbauen.
luggi schrieb am 28.09.2009 um 00:08
Es ist der Inhalt, der falsch ist, und nicht die Form oder Funktion.
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